Organspende in Hongkong: Warum ist die Bereitschaft so gering?
Organ transplantation ist die einzige Hoffnung für Patienten mit schwerem Organversagen. Doch der Mangel an verstorbenen Spendern bleibt ein großes Problem, besonders in chinesischen Bevölkerungsgruppen. In Hongkong lag die Spenderrate im Jahr 2017 bei 6 Spendern pro Million Einwohner (pmp), während in China im Jahr 2016 nur 3 Spender pmp gemeldet wurden. Gleichzeitig warten über 2000 Patienten in Hongkong und etwa 300.000 in ganz China auf lebensrettende Transplantationen. Diese Kluft zwischen Angebot und Nachfrage zeigt, wie dringend es ist, die Einstellungen und Hindernisse zu verstehen, die die Organspende beeinflussen. Eine Studie mit 520 Besuchern von Intensivstationen (ICUs) in Hongkong zwischen 2014 und 2016 liefert wichtige Einblicke in diese Herausforderungen.
Kulturelle Überzeugungen und die Angst vor dem Tod
In chinesischen Traditionen, die stark von taoistischen und buddhistischen Philosophien geprägt sind, spielt die körperliche Unversehrtheit nach dem Tod eine große Rolle. Dies hat historisch gesehen die Organspende erschwert. Die Studie zeigt jedoch, dass sich die Einstellungen bei jüngeren, besser gebildeten Generationen ändern: 61 % der Teilnehmer akzeptierten die Vorstellung, dass der Körper durch die Organentnahme verändert wird. Obwohl 94 % die Organspende grundsätzlich unterstützten, waren nur 66 % bereit, ihre eigenen Organe nach dem Tod zu spenden. Diese Diskrepanz verdeutlicht, dass psychologische und kulturelle Barrieren weiterhin bestehen.
Die Angst vor dem Tod verschärft diese Kluft. In der chinesischen Kultur wird das Thema Tod oft vermieden, da es als Unglück bringend gilt. Die Studie ergab, dass nur 26 % der Teilnehmer jemals mit ihren Familien über Organspende gesprochen hatten. Selbst unter denen, die spenden wollten, hatten 64,7 % ihre Wünsche nie mit ihren Angehörigen besprochen. Dieses Schweigen führt zu praktischen Problemen, da Familien oft die Entscheidung treffen, wenn der Wunsch des Verstorbenen nicht bekannt ist.
Gesetze und die Zustimmung der Familie
In Hongkong gilt ein „Opt-in“-System, bei dem sich Menschen aktiv als Spender registrieren müssen. Dies steht im Gegensatz zu „Opt-out“-Modellen, bei denen die Zustimmung automatisch angenommen wird, es sei denn, man widerspricht aktiv. Die öffentliche Meinung ist gespalten: Eine Umfrage der Regierung aus dem Jahr 2017 zeigte, dass 33,8 % ein Opt-out-Gesetz unterstützen, während 35,9 % dagegen sind. Die Zustimmung der Familie erschwert die Organspende weiter. Die Studie ergab, dass 82 % der Teilnehmer die Spende von Organen eines hirntoten Angehörigen ablehnen würden, wenn sie dessen Wünsche nicht kennen. 91,3 % nannten das Fehlen einer ausdrücklichen Zustimmung als Hauptgrund für ihre Ablehnung.
Aktuelle Mechanismen wie das zentrale Organspenderegister (CODR) in Hongkong werden kaum genutzt. Bis 2018 hatten sich nur 3,8 % der Bevölkerung (282.572 Personen) registriert. Vorschläge, den Spenderstatus auf Personalausweisen zu vermerken, könnten die Zustimmung der Familie vereinfachen. Auch Systeme, bei denen registrierte Spender bei der Organvergabe bevorzugt werden, könnten die Bereitschaft erhöhen. Lokale Studien zeigen, dass solche Modelle die Akzeptanz steigern könnten.
Herausforderungen im Gesundheitssystem
Ein großes Problem ist, dass potenzielle Spender außerhalb von Intensivstationen oft nicht erkannt werden. In Hongkong kommen die meisten potenziellen Spender aus normalen Krankenhausstationen, wo 34 % aufgrund von Kreislaufproblemen oder unvollständigen Hirntod-Diagnosen verloren gehen. Viele Mitarbeiter im Gesundheitswesen sind nicht ausreichend geschult, um Spender zu erkennen oder mit der Versorgung am Lebensende umzugehen. Eine lokale Überprüfung zeigte, dass nur die Hälfte der potenziellen Spender korrekt identifiziert und gemeldet wurde. Bessere Schulungen und standardisierte Protokolle könnten die Spenderrate deutlich erhöhen.
Die Nutzung von Intensivstationen für die Pflege von Spendern ist umstritten. Die Studie untersuchte, ob die Öffentlichkeit die Aufnahme von schwer kranken Patienten in ICUs allein zur Organerhaltung akzeptiert. Die Teilnehmer unterstützten die Aufnahme zur Diagnose des Hirntods (58,8 %), zur Organentnahme (63,1 %) und zur Einholung der Zustimmung der Familie (55,2 %). Höhere Bildung korrelierte mit einer größeren Akzeptanz (72,7 % mit Hochschulbildung vs. 61,7 % mit Sekundarschulbildung). Interessanterweise erfordern Spenderaufnahmen oft kürzere ICU-Aufenthalte als die Behandlung akuter Erkrankungen, was eine effiziente Nutzung der Ressourcen nahelegt.
Öffentliche Aufklärung und staatliche Initiativen
Über 90 % der Befragten hielten die staatliche Förderung der Organspende für unzureichend. Aktuelle Bemühungen umfassen das „Garden of Life“-Denkmal, das Spender ehrt, und das Komitee zur Förderung der Organspende, das den öffentlichen Dialog erleichtern soll. Effektive Kommunikationsstrategien, die Altruismus und gesellschaftlichen Nutzen betonen, könnten die Einstellungen verändern. Zum Beispiel haben Kampagnen, die Spenden mit der Fortsetzung des Lebens und Hoffnung verbinden, in anderen Ländern Erfolge gezeigt.
Auch Schulungen für medizinisches Personal sind wichtig. Programme, die Fähigkeiten zur Überbringung von Todesnachrichten, zur Kommunikation mit Familien und zu ethischen Fragen in der Spenderpflege verbessern, könnten Wissenslücken schließen. Eine lokale Studie zeigte, dass Workshops das Wissen von Medizinstudenten über Organspende um 40 % erhöhten. Dies unterstreicht das Potenzial gezielter Schulungen, um systemische Veränderungen zu bewirken.
Fazit
Die niedrigen Organspenderraten in Hongkong spiegeln komplexe Wechselwirkungen zwischen kulturellen Normen, gesetzlichen Rahmenbedingungen und Praktiken im Gesundheitswesen wider. Wichtige Maßnahmen sind die Vereinfachung der Zustimmung durch Kennzeichnung auf Personalausweisen, die Einführung von Opt-out-Gesetzen kombiniert mit Prioritätssystemen und die Verbesserung der Schulung von medizinischem Personal. Öffentliche Kampagnen müssen die Angst vor dem Tod durch kulturell sensible Botschaften ansprechen und Gespräche über Entscheidungen am Lebensende normalisieren. Gleichzeitig sollten ICU-Protokolle die palliative Versorgung und das Spender-Management integrieren, da sie kosteneffizienter sind als die Behandlung akuter Erkrankungen. Die Zusammenarbeit zwischen Politikern, Gesundheitsdienstleistern und Gemeindevertretern bleibt entscheidend, um Einstellungen und Praktiken zu verändern und die Lücke zwischen Organangebot und -nachfrage zu schließen.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000059
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