Wie entwickelt sich die Fehlstellung des Knies bei Arthrose?

Wie entwickelt sich die Fehlstellung des Knies bei Arthrose? Ein Blick auf acht Jahre Krankheitsverlauf

Knieschmerzen und Steifheit sind häufige Beschwerden bei Arthrose. Doch wussten Sie, dass die Fehlstellung des Knies – ob nach innen oder außen geneigt – eine entscheidende Rolle spielt? Diese Fehlstellung verändert die Belastung des Gelenks und beschleunigt den Verschleiß des Knorpels. Aber wie genau entwickelt sich diese Fehlstellung über die Jahre? Eine aktuelle Studie gibt Antworten.

Hintergrund: Warum ist die Fehlstellung so problematisch?

Arthrose im Knie ist eine Verschleißerkrankung, die Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verursacht. Eine Fehlstellung des Knies verschlimmert diese Beschwerden. Wenn das Knie nach innen geneigt ist (Varus), lastet mehr Druck auf der Innenseite des Gelenks. Bei einer Neigung nach außen (Valgus) wird die Außenseite stärker belastet. Dies führt zu einem Teufelskreis: Der Knorpel verschleißt schneller, was die Fehlstellung weiter verstärkt.

Bisher war wenig darüber bekannt, wie sich diese Fehlstellung bei Menschen mit symptomatischer Arthrose über die Zeit entwickelt. Diese Studie hat genau das untersucht – und dabei wichtige Erkenntnisse gewonnen.

Die Studie: Wer wurde untersucht und wie?

Die Studie analysierte Daten von 1.252 Teilnehmern der Osteoarthritis Initiative (OAI), einer Langzeitstudie, die von 2004 bis 2012 durchgeführt wurde. Alle Teilnehmer hatten symptomatische Arthrose im Knie, definiert durch häufige Schmerzen oder Steifheit sowie radiologische Anzeichen von Knochenveränderungen (Kellgren-Lawrence [KL] Grad ≥2).

Messung der Fehlstellung

Die Fehlstellung des Knies wurde mithilfe von Röntgenbildern zu Beginn der Studie und in regelmäßigen Abständen über acht Jahre gemessen. Ein spezielles Computerprogramm half dabei, die anatomischen Strukturen genau zu erfassen. Der Winkel zwischen Hüfte, Knie und Knöchel (HKA-Winkel) wurde berechnet, um die Fehlstellung zu bestimmen. Negative Werte standen für eine Varus-Fehlstellung, positive für eine Valgus-Fehlstellung.

Einflussfaktoren

Die Studie berücksichtigte verschiedene Faktoren, die die Fehlstellung beeinflussen könnten. Dazu gehörten körperliche Aktivität, das Verhältnis der Gelenkspalten (Innen- zu Außenseite), Alter, Geschlecht, Körpergewicht, Arthrose-Schweregrad (KL-Grad), Schmerzen und frühere Verletzungen oder Operationen am Knie.

Statistische Auswertung

Mithilfe einer speziellen Methode (Gruppenbasierte Trajektorienmodellierung) wurden die Teilnehmer in Gruppen eingeteilt, je nachdem, wie sich ihre Fehlstellung über die Jahre entwickelte. Die Analyse identifizierte auch Risikofaktoren, die mit einer schnellen Verschlechterung der Fehlstellung verbunden waren.

Die Ergebnisse: Fünf verschiedene Verläufe

1. Neutrale Fehlstellung (30,2 %)

Bei dieser Gruppe war das Knie zu Beginn fast gerade (mittlerer HKA-Winkel: 1,7°). Über acht Jahre blieb die Fehlstellung nahezu unverändert.

2. Stabile Varus-Fehlstellung (26,2 %)

Hier lag zu Beginn eine leichte Varus-Fehlstellung vor (mittlerer HKA-Winkel: -2,3°). Diese blieb über die Jahre stabil, ohne signifikante Verschlechterung.

3. Stabile Valgus-Fehlstellung (20,9 %)

Teilnehmer mit einer leichten Valgus-Fehlstellung (mittlerer HKA-Winkel: 4,9°) zeigten ebenfalls kaum Veränderungen.

4. Verschlechternde Varus-Fehlstellung (13,3 %)

Bei dieser Gruppe war die Varus-Fehlstellung zu Beginn stärker ausgeprägt (mittlerer HKA-Winkel: -4,9°). Sie verschlechterte sich signifikant, mit einer jährlichen Zunahme von -0,026°.

5. Verschlechternde Valgus-Fehlstellung (9,4 %)

Hier lag eine starke Valgus-Fehlstellung vor (mittlerer HKA-Winkel: 6,8°). Auch diese Gruppe zeigte eine deutliche Verschlechterung, mit einer jährlichen Zunahme von +0,028°.

Risikofaktoren für eine Verschlechterung

Fortgeschrittene Arthrose (KL-Grad ≥3)

Teilnehmer mit schwerer Arthrose hatten ein 4,35-fach höheres Risiko für eine Verschlechterung der Varus-Fehlstellung und ein 3,85-fach höheres Risiko für eine Valgus-Verschlechterung.

Starke Fehlstellung zu Beginn

Knie mit einer Varus-Fehlstellung von mehr als -4,5° oder einer Valgus-Fehlstellung von mehr als +3,6° zeigten ein deutlich höheres Risiko für eine Verschlechterung.

Ungleichgewicht im Gelenkspalt

Ein größerer Verschleiß auf der Innenseite des Gelenks beschleunigte die Varus-Fehlstellung, während ein Verschleiß auf der Außenseite die Valgus-Fehlstellung verschlimmerte.

Ethnische Zugehörigkeit

Nicht-weiße Teilnehmer hatten ein geringeres Risiko für eine Verschlechterung der Valgus-Fehlstellung.

Was bedeuten diese Ergebnisse für die Praxis?

Frühe Intervention

Bei leichten Fehlstellungen (zwischen -4,5° und +3,6°) reicht oft eine konservative Behandlung, wie Physiotherapie oder spezielle Schienen.

Hochrisiko-Gruppen

Patienten mit schwerer Arthrose oder starken Fehlstellungen benötigen möglicherweise aggressivere Maßnahmen, wie eine Operation oder spezielle Entlastungsschienen.

Weitere Forschung

Warum nicht-weiße Teilnehmer ein geringeres Risiko für Valgus-Verschlechterung haben, ist noch unklar. Hier sind weitere Untersuchungen nötig.

Grenzen der Studie

Die Studie konnte nicht klären, was die Fehlstellung ursprünglich verursacht hat. Außerdem könnten Teilnehmer, die die Studie abbrachen (z. B. wegen einer Knieoperation), unterrepräsentiert sein.

Fazit

Diese achtjährige Studie zeigt, wie sich die Fehlstellung des Knies bei Arthrose entwickelt. Während leichte Fehlstellungen oft stabil bleiben, verschlechtern sich starke Fehlstellungen deutlich. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung einer frühzeitigen Diagnose und gezielten Behandlung, um den Teufelskreis aus Fehlstellung und Arthrose zu durchbrechen.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000002044
For educational purposes only.

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