Warum vertragen viele Intensivpatienten keine künstliche Ernährung?

Warum vertragen viele Intensivpatienten keine künstliche Ernährung?

Einleitung
Patienten auf der Intensivstation (ICU) haben ein hohes Risiko für Mangelernährung, besonders bei langen Aufenthalten. Künstliche Ernährung über den Magen-Darm-Trakt (enterale Ernährung, EN) wird oft frühzeitig empfohlen, um die Darmfunktion zu erhalten und Komplikationen zu reduzieren. Doch viele Patienten vertragen diese Ernährung nicht. Symptome wie Erbrechen, hohe Magenrückstände (GRV) oder ein aufgeblähter Bauch führen dazu, dass die Ernährung nicht ausreichend aufgenommen wird. Dies kann schwerwiegende Folgen haben, wie längere Beatmung oder sogar einen erhöhten Sterberisiko. Warum kommt es zu dieser Unverträglichkeit, und welche Faktoren erhöhen das Risiko?

Methoden
Studiendesign und Teilnehmer
Diese Studie analysierte Daten von 1.057 ICU-Patienten, die zwischen Januar 2014 und August 2019 frühzeitig über eine Nasensonde künstlich ernährt wurden. Patienten mit speziellen Ernährungssonden oder unvollständigen Daten wurden ausgeschlossen. Informationen zu Alter, Krankheitsschwere (APACHE II, SOFA), Diagnosen und Behandlungen wurden gesammelt.

Ernährungsprotokoll
Die künstliche Ernährung begann innerhalb von 48 Stunden nach der Aufnahme auf der Intensivstation. Die Nahrung wurde kontinuierlich über eine Nasensonde verabreicht, mit dem Ziel, 25 kcal pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag zu erreichen. Der Magenrückstand (GRV) wurde alle 4 Stunden gemessen. Bei einem Rückstand von über 200 mL wurde die Ernährung vorübergehend gestoppt.

Definitionen und Ergebnisse
Eine Unverträglichkeit (FI) wurde definiert als GRV ≥200 mL und/oder Erbrechen. In einer strengeren Analyse wurde ein GRV von ≥500 mL verwendet. Die Studie untersuchte, wie häufig FI in den ersten sieben Tagen auftrat und welche Faktoren das Risiko erhöhten.

Statistische Analyse
Daten wurden als Mittelwerte oder Häufigkeiten dargestellt. Risikofaktoren wurden durch statistische Modelle identifiziert. Die Analyse erfolgte mit SPSS 25.0.

Ergebnisse
Patientenmerkmale
Die Studie umfasste 587 Männer (55,5 %) und 470 Frauen (44,5 %) mit einem Durchschnittsalter von 56,1 Jahren. Die häufigsten Diagnosen waren Lungenentzündung (30 %), Sepsis (18,1 %) und Nierenversagen (16,8 %).

Häufigkeit der Unverträglichkeit
FI trat bei 10,95 % der Patienten in den ersten sieben Tagen auf. Die höchste Rate wurde am zweiten Tag (15,04 %) beobachtet. Bis zum siebten Tag sank die Rate auf 12,03 %.

Risikofaktoren für Unverträglichkeit
Multivariate Analyse mit GRV ≥200 mL
Beatmung (MV) und Nierenersatztherapie (CRRT) waren unabhängige Risikofaktoren. Beatmung verdoppelte das Risiko (OR: 1,928), CRRT erhöhte es ebenfalls (OR: 2,064).

Strengere Analyse mit GRV ≥500 mL
CRRT und akutes Nierenversagen (ARF) waren signifikante Prädiktoren. CRRT erhöhte das Risiko um das Sechsfache (OR: 6,199), ARF verdreifachte es (OR: 3,445).

Diskussion
Häufigkeit von FI in der frühen ICU-Phase
Die Studie zeigt, dass FI besonders in den ersten Tagen nach der Aufnahme auf der Intensivstation auftritt. Dies könnte auf den akuten Stress oder eine verzögerte Ernährung zurückzuführen sein. Erbrechen war selten (<2 %), was darauf hindeutet, dass die Messung des Magenrückstands die Diagnose prägt.

Beatmung als wichtiger Risikofaktor
Beatmung erhöht das Risiko für FI, möglicherweise aufgrund von Veränderungen der Darmbeweglichkeit durch Sedierung oder die Liegeposition. Die Beatmung kann auch die Durchblutung des Darms reduzieren.

Einfluss von CRRT und Nierenversagen
CRRT ist ein starker Prädiktor für FI, wahrscheinlich aufgrund von Flüssigkeitsverschiebungen oder Entzündungsreaktionen. Nierenversagen spielt ebenfalls eine Rolle, besonders bei strengeren GRV-Schwellenwerten.

Klinische Bedeutung
Die Ergebnisse betonen die Notwendigkeit einer sorgfältigen Überwachung bei Hochrisikopatienten, insbesondere bei Beatmung oder CRRT. Medikamente zur Förderung der Darmbeweglichkeit oder spezielle Ernährungssonden könnten helfen. Die routinemäßige Messung des Magenrückstands bleibt jedoch umstritten.

Einschränkungen und zukünftige Forschung
Diese retrospektive Studie hat Grenzen, wie mögliche Verzerrungen und unterschiedliche Messmethoden. Die fehlende Standardisierung der FI-Definition erschwert den Vergleich mit anderen Studien. Zukünftige Studien sollten die Risikofaktoren bestätigen und die Mechanismen hinter CRRT, Beatmung und Darmfunktion untersuchen.

Fazit
FI betrifft über 10 % der ICU-Patienten während der frühen künstlichen Ernährung. Beatmung und CRRT sind unabhängige Risikofaktoren. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit gezielter Überwachungs- und Interventionsstrategien. Die Standardisierung der FI-Definition und weitere Forschung sind entscheidend, um die Versorgung von Intensivpatienten zu verbessern.

For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000001974

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