Wie sicher und wirksam sind COVID-19-Impfstoffe für Menschen mit geschwächtem Immunsystem?
Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig Impfungen sind, besonders für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem. Diese Gruppe hat ein höheres Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken oder sogar daran zu sterben. Obwohl die Impfstoffe in klinischen Studien für die Allgemeinbevölkerung sicher und wirksam waren, wurden Menschen mit geschwächtem Immunsystem oft von diesen Studien ausgeschlossen. Deshalb ist es wichtig, die Wirkung der Impfstoffe speziell für diese Gruppe zu untersuchen. Dieser Artikel fasst die aktuellen Erkenntnisse zusammen und beleuchtet die Herausforderungen und zukünftigen Entwicklungen.
Hintergrund
Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, sei es durch angeborene Immundefekte, fortgeschrittene HIV-Infektionen oder Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, haben ein höheres Risiko für schwere COVID-19-Verläufe. Frühe Studien zeigten, dass insbesondere Organtransplantierte und Menschen, die Anti-CD20-Therapien erhalten, häufiger ins Krankenhaus eingeliefert wurden oder starben. Trotz weltweiter Impfbemühungen gab es Unsicherheiten, wie gut die Impfstoffe bei diesen Gruppen wirken, da sie oft auch auf andere Impfungen wie die Grippeimpfung weniger gut ansprechen. Dieser Artikel konzentriert sich auf drei wichtige Gruppen: Menschen mit HIV (PLWH), Organtransplantierte (SOTRs) und Patienten, die Anti-CD20-Therapien erhalten.
Arten von COVID-19-Impfstoffen
Bis Juli 2022 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 11 COVID-19-Impfstoffe zugelassen, die in vier Kategorien unterteilt werden:
- Inaktivierte Impfstoffe (z.B. CoronaVac, BBIBP-CorV): Verwenden abgetötete SARS-CoV-2-Viren.
- mRNA-Impfstoffe (z.B. BNT162b2, mRNA-1273): Enthalten genetisches Material, das den Bauplan für das Spike-Protein des Virus liefert.
- Vektorimpfstoffe (z.B. AZD1222, Ad26.COV2.S): Nutzen abgeschwächte Viren, um das Spike-Protein zu produzieren.
- Proteinimpfstoffe (z.B. NVX-CoV2373): Verwenden Teile des Spike-Proteins zusammen mit Wirkverstärkern.
mRNA-Impfstoffe zeigten in Studien die beste Wirksamkeit und wurden daher in vielen Ländern mit hohem Einkommen eingesetzt. Inaktivierte Impfstoffe waren hingegen in China und Ländern mit begrenzten Ressourcen weit verbreitet. Bis September 2022 hatten über 67% der Weltbevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten, aber es gab große Unterschiede, insbesondere in Afrika südlich der Sahara, wo der Zugang zu Impfstoffen begrenzt war.
Sicherheit der Impfstoffe bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem
COVID-19-Impfstoffe zeigten bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem ein gutes Sicherheitsprofil. Nebenwirkungen wie Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit und Muskelschmerzen waren ähnlich wie in der Allgemeinbevölkerung und meist vorübergehend. Schwere Komplikationen waren selten. Zum Beispiel trat bei mRNA-Impfstoffen in sehr seltenen Fällen eine Herzmuskelentzündung auf, und bei Vektorimpfstoffen gab es extrem seltene Fälle von Blutgerinnseln (ca. 1–2 Fälle pro 100.000 Dosen). Wichtig ist, dass keine Studie ein erhöhtes Risiko für Abstoßungsreaktionen bei Organtransplantierten oder Krankheitsschübe bei Autoimmunpatienten nach der Impfung feststellte.
Wirksamkeit der Impfstoffe bei speziellen Gruppen
Menschen mit HIV (PLWH)
Menschen mit HIV, die eine antiretrovirale Therapie (ART) erhalten und eine stabile Anzahl von CD4+ T-Zellen (>500 Zellen/μL) haben, zeigten in der Regel eine gute Immunantwort. Bei Menschen mit fortgeschrittener HIV-Infektion (CD4+ <200 Zellen/μL) oder unkontrollierter Viruslast war die Antwort jedoch schwächer:
- Inaktivierte Impfstoffe: Eine brasilianische Studie zeigte, dass 71% der Menschen mit HIV nach zwei CoronaVac-Dosen Antikörper bildeten, verglichen mit 84% in der Kontrollgruppe. Niedrigere CD4-Werte waren mit geringeren Antikörperspiegeln verbunden.
- mRNA-Impfstoffe: Die Antikörperspiegel waren bei Menschen mit HIV 2–3-fach niedriger als in der Kontrollgruppe. Einige mit CD4+ <200 Zellen/μL bildeten überhaupt keine Antikörper.
- Proteinimpfstoffe: NVX-CoV2373 löste bei Menschen mit HIV geringere Antikörperspiegel aus als bei HIV-negativen Personen.
Studien zur zellulären Immunität zeigten, dass Menschen mit HIV unter ART eine ähnliche T-Zell-Antwort wie gesunde Personen entwickelten. Bei fortgeschrittener HIV-Infektion gab es jedoch Fälle, in denen weder Antikörper noch T-Zellen nachweisbar waren.
Organtransplantierte (SOTRs)
Organtransplantierte hatten die schwächste Immunantwort auf die Impfung, da sie dauerhaft Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Wichtige Erkenntnisse waren:
- Nierentransplantierte: Nur 37,5%–54% bildeten nach zwei mRNA-Dosen Antikörper. Bei Patienten, die drei Immunsuppressiva einnahmen, lag die Rate unter 20%.
- Lebertransplantierte: Die Antikörperbildung variierte zwischen 47,5% und 74,8%, abhängig von der Zeit seit der Transplantation und der Medikation.
- Lungentransplantierte: In einer Studie bildete keiner der Patienten nach zwei BNT162b2-Dosen Antikörper.
Eine dritte oder vierte mRNA-Dosis verbesserte die Antikörperbildung bei einigen Patienten, aber viele blieben anfällig. T-Zell-Antworten waren bei 30%–40% der Patienten nachweisbar, boten aber keinen vollständigen Schutz.
Patienten unter Anti-CD20-Therapie
Medikamente wie Rituximab, die B-Zellen zerstören, schwächen die Antikörperbildung erheblich:
- Antikörperantwort: Nach zwei mRNA-Dosen bildeten nur 28%–50% der Patienten Antikörper, abhängig von der Dosierung und dem Zeitpunkt der Rituximab-Gabe.
- Zelluläre Immunität: Trotz geringer Antikörperbildung entwickelten 32%–49% der Patienten eine T-Zell-Antwort, was einen gewissen Schutz bieten könnte.
Herausforderungen und zukünftige Entwicklungen
- Virusvarianten: Lang anhaltende Virusausscheidung bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem könnte die Entstehung neuer Virusvarianten begünstigen. Omikron-Varianten mit Mutationen, die das Immunsystem umgehen, zeigen die Notwendigkeit von angepassten Impfstoffen.
- Auffrischungsimpfungen: Zusätzliche Dosen verbesserten die Immunantwort, schlossen aber die Lücke zu gesunden Menschen nicht vollständig. Kombinationen verschiedener Impfstoffe (z.B. mRNA nach inaktivierter Impfung) zeigten Potenzial, müssen aber weiter untersucht werden.
- Schleimhautimpfstoffe: Aktuelle Impfstoffe induzieren kaum Immunität in den Schleimhäuten, die wichtig ist, um die Übertragung zu blockieren. Nasale Impfstoffe könnten diese Lücke schließen.
- Globale Gerechtigkeit: Der Zugang zu Impfstoffen bleibt in ärmeren Regionen begrenzt, besonders für Hochrisikogruppen wie Menschen mit fortgeschrittener HIV-Infektion in Afrika.
Fazit
Menschen mit geschwächtem Immunsystem, insbesondere Organtransplantierte und Patienten unter Anti-CD20-Therapie, haben Schwierigkeiten, eine schützende Immunantwort auf COVID-19-Impfstoffe zu entwickeln. Zusätzliche Dosen und alternative Impfstrategien können helfen, aber individuelle Ansätze sind notwendig. Zukünftige Forschung sollte sich auf Langzeitstudien, universelle Coronavirus-Impfstoffe und eine gerechte Verteilung konzentrieren, um Ungleichheiten zu verringern.
For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002505