Wie beeinflusst die antiretrovirale Therapie (ART) die Blutfette bei Menschen mit HIV?
Menschen, die mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) leben, haben dank der antiretroviralen Therapie (ART) heute eine deutlich bessere Lebenserwartung. Doch die Behandlung birgt auch Herausforderungen: Sie kann den Fettstoffwechsel stören und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Wie entwickelt sich das Blutfettprofil bei langfristiger ART? Und welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?
Die Studie: Ein Blick auf die Daten
Eine retrospektive Studie in Shenzhen untersuchte 7623 Erwachsene mit HIV, die zwischen 2014 und 2018 erstmals eine ART erhielten. Die Teilnehmer waren mindestens 15 Jahre alt, hatten keine anderen schweren Erkrankungen und wurden mindestens drei Monate lang behandelt. Die meisten waren Männer (91,8 %) mit einem Durchschnittsalter von 32 Jahren.
Die Studie konzentrierte sich auf vier gängige ART-Kombinationen:
- Tenofovir Disoproxil Fumarat (TDF) + Lamivudin (3TC) + Efavirenz (EFV)
- TDF + 3TC + Ritonavir-verstärktes Lopinavir (LPV/r)
- Zidovudin (AZT) + 3TC + EFV
- AZT + 3TC + LPV/r
Blutfettwerte zu Beginn der Behandlung
Zu Beginn der Therapie lagen die durchschnittlichen Werte für Gesamtcholesterin (TC) bei 4,23 mmol/L, für das „gute“ HDL-Cholesterin (HDL-C) bei 1,27 mmol/L und für das „schlechte“ LDL-Cholesterin (LDL-C) bei 2,54 mmol/L. Die Triglyceride (TG), eine weitere Fettart im Blut, hatten einen Medianwert von 1,17 mmol/L.
Ältere Patienten, Übergewichtige und Personen mit heterosexueller HIV-Übertragung wiesen höhere TC-, TG- und LDL-C-Werte auf. Bei Männern, Übergewichtigen und Personen mit niedrigen CD4-Zellzahlen (ein Maß für die Immunstärke) waren die HDL-C-Werte niedriger.
Wie veränderten sich die Blutfette unter ART?
Die Studie zeigte, dass sich die Blutfettwerte je nach ART-Kombination unterschiedlich entwickelten:
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Triglyceride (TG): Bei Patienten, die TDF + 3TC + EFV oder AZT + 3TC + EFV erhielten, war die Rate für erhöhte TG (≥1,70 mmol/L) niedriger (22,4 % bzw. 26,7 %) als bei denen mit TDF + 3TC + LPV/r (50,9 %) oder AZT + 3TC + LPV/r (48,4 %). Drei Monate nach Therapiebeginn stiegen die TG-Werte in allen Gruppen an, gingen dann aber bei den meisten wieder zurück – außer bei AZT + 3TC + EFV.
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Gesamtcholesterin (TC): Die höchste Rate für erhöhtes TC (≥5,20 mmol/L) gab es bei Patienten mit AZT + 3TC + LPV/r (28,2 %), gefolgt von AZT + 3TC + EFV (19,7 %) und TDF + 3TC + EFV (11,4 %). Nach Therapiebeginn stiegen die TC-Werte in allen Gruppen an.
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LDL-Cholesterin (LDL-C): Die höchste Rate für erhöhtes LDL-C (≥3,37 mmol/L) wurde bei Patienten mit AZT + 3TC + LPV/r (17,7 %) beobachtet. Nach Therapiebeginn stiegen die LDL-C-Werte in den meisten Gruppen an, blieben aber bei TDF + 3TC + EFV niedrig.
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HDL-Cholesterin (HDL-C): Die Rate für niedriges HDL-C (<1,04 mmol/L) war bei Patienten mit TDF + 3TC + LPV/r am höchsten (28,3 %). Drei Monate nach Therapiebeginn sanken die Raten für niedriges HDL-C bei TDF + 3TC + LPV/r und TDF + 3TC + EFV, stiegen aber bei AZT + 3TC + EFV an.
Risikofaktoren für Fettstoffwechselstörungen
Die Studie identifizierte mehrere Faktoren, die das Risiko für Fettstoffwechselstörungen erhöhen:
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ART-Kombination: Im Vergleich zu TDF + 3TC + EFV war das Risiko für erhöhte TG, TC und LDL-C bei TDF + 3TC + LPV/r, AZT + 3TC + EFV und AZT + 3TC + LPV/r höher. TDF + 3TC + LPV/r war auch mit niedrigeren HDL-C-Werten verbunden.
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Demografische Faktoren: Frauen, ältere Patienten, Übergewichtige und Adipöse hatten ein höheres Risiko für erhöhtes TC. Männer, ältere Patienten, Übergewichtige und Adipöse waren häufiger von erhöhten TG betroffen. Übergewicht und Adipositas waren auch Risikofaktoren für niedriges HDL-C.
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Behandlungsdauer: Je länger die ART dauerte, desto höher war das Risiko für erhöhte TG, TC und LDL-C.
Was bedeutet das für die Praxis?
Die Studie zeigt, dass die Wahl der ART-Kombination einen großen Einfluss auf das Blutfettprofil hat. TDF + 3TC + EFV war mit einem geringeren Risiko für Fettstoffwechselstörungen verbunden als andere Kombinationen. Besonders Proteasehemmer (PI) wie LPV/r scheinen das Risiko für erhöhte TG und TC zu erhöhen, während TDF eine lipidsenkende Wirkung hat.
Neben der ART spielen auch traditionelle Risikofaktoren wie Alter, Übergewicht und Adipositas eine wichtige Rolle. Eine umfassende Betreuung, einschließlich regelmäßiger Blutfettkontrollen und Lebensstiländerungen, ist daher entscheidend, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken.
Fazit
Die Studie unterstreicht die Bedeutung einer individuellen Therapieplanung bei Menschen mit HIV. TDF + 3TC + EFV könnte eine bevorzugte Option für Patienten mit Fettstoffwechselstörungen oder Herz-Kreislauf-Risiken sein. Regelmäßige Kontrollen und die Behandlung von Risikofaktoren sind unerlässlich, um die langfristige Gesundheit zu sichern.
For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000001245