Weill-Marchesani-ähnliches Syndrom durch eine FBN1-Mutation mit niedriger Penetranz

Weill-Marchesani-ähnliches Syndrom durch eine FBN1-Mutation mit niedriger Penetranz: Was bedeutet das für Betroffene?

Haben Sie schon einmal von einer seltenen Erkrankung gehört, die sowohl die Augen als auch den Körper betrifft? Das Weill-Marchesani-Syndrom (WMS) ist eine solche seltene Erkrankung. Es betrifft das Bindegewebe und kann zu kurzen Fingern, Kleinwuchs, steifen Gelenken und verschiedenen Augenproblemen führen. Doch was, wenn die Symptome nicht alle auftreten oder nur schwach ausgeprägt sind? Dann spricht man von einem Weill-Marchesani-ähnlichen Syndrom (WMS-like). Diese Fälle sind oft schwer zu diagnostizieren, da die Symptome so unterschiedlich sein können. In diesem Artikel geht es um eine chinesische Familie, bei der eine Veränderung im FBN1-Gen (Fibrillin-1-Gen) gefunden wurde, die dieses Syndrom verursacht. Wir werfen einen Blick auf die klinischen Merkmale, die genetischen Ursachen und die Bedeutung für die Betroffenen.

Die klinische Darstellung der Familie

Die Studie konzentriert sich auf eine chinesische Familie über drei Generationen, bei der mehrere Mitglieder Merkmale des WMS-like-Syndroms aufweisen. Der Hauptbetroffene, ein 68-jähriger Mann (I-1), hatte schwere Augenprobleme. Bei ihm war die Linse in beiden Augen nach unten verrutscht, was eine genaue Messung der Sehstärke unmöglich machte. Seine Sehschärfe war stark eingeschränkt: 20/500 im rechten Auge (OD) und 20/200 im linken Auge (OS). Trotz der verrutschten Linse waren die Augenlängen normal (23,21 mm in OD und 23,23 mm in OS), und die Hornhautkrümmung war ebenfalls normal. Der Augeninnendruck war im rechten Auge erhöht (30 mmHg), während er im linken Auge normal war (17,9 mmHg). Eine Untersuchung mit der Spaltlampe zeigte keine Anzeichen von Mikrosphärophakie (eine ungewöhnlich kleine und runde Linse), aber der Mann hatte kurze Finger (Brachydaktylie) und war kleinwüchsig (163 cm). Es gab keine Gelenksteifheit oder Herzprobleme. Aufgrund der verrutschten Linse, der kurzen Finger und des Kleinwuchses wurde bei ihm das WMS-like-Syndrom diagnostiziert.

Die 47-jährige Tochter (II-1) des Mannes zeigte ebenfalls Merkmale des Syndroms. Bei ihr war die Linse nach oben verrutscht, und es gab eine Lücke (Kolobom) im unteren Teil der Linse. Im Gegensatz zu ihrem Vater hatte sie deutlich längere Augen (28,71 mm in OD und 25,96 mm in OS), was zu ihrer starken Kurzsichtigkeit beitrug. Ihr Augeninnendruck war normal (15 mmHg in OD und 13 mmHg in OS), und sie hatte ebenfalls kurze Finger und war kleinwüchsig (150 cm).

Der 17-jährige Enkel (III-3) des Mannes war der dritte Betroffene in der Familie. Bei ihm gab es eine leichte Trübung der Linse im hinteren Bereich, aber keine Anzeichen für ein Verrutschen der Linse. Die Linsendicke war normal (3,31 mm in OD und 3,30 mm in OS), und die Augenlängen lagen im normalen Bereich (24,04 mm in OD und 24,56 mm in OS). Im Gegensatz zu seinem Großvater und seiner Mutter hatte er keine kurzen Finger und war nicht kleinwüchsig (170 cm). Es gab keine Anzeichen von Mikrosphärophakie, Gelenksteifheit oder Herzproblemen bei ihm.

Genetische Analyse und Mutationsidentifikation

Um die genetische Ursache des Syndroms in der Familie zu finden, wurde bei der Tochter (II-1) eine Genomanalyse (Whole-Exome Sequencing, WES) durchgeführt. Dabei wurde eine Veränderung im FBN1-Gen gefunden (c.1327+1G>A). Diese Veränderung lag in einem Bereich des Gens, der für das korrekte Schneiden (Spleißen) der genetischen Information wichtig ist. Es wurde vermutet, dass diese Veränderung den normalen Spleißprozess stört und zu einer fehlerhaften Version des Gens führt. Die Mutation wurde auch beim Mann (I-1) und seinem Enkel (III-3) durch eine spezielle Methode (Sanger-Sequenzierung) bestätigt. Die nicht betroffenen Familienmitglieder (II-2, III-1 und III-2) hatten die normale Version des Gens (GG).

Das FBN1-Gen enthält die Bauanleitung für Fibrillin-1, ein wichtiges Protein im Bindegewebe. Veränderungen in diesem Gen können zu strukturellen oder funktionellen Problemen im Bindegewebe führen, was eine Vielzahl von klinischen Merkmalen verursachen kann. Die gefundene Mutation (c.1327+1G>A) wurde bereits bei einer Person mit isoliertem Linsenverrutschen (Ectopia lentis) beschrieben, aber in diesem Fall gab es keine weiteren körperlichen Anomalien. Im Gegensatz dazu zeigte der Mann in dieser Studie zusätzliche Merkmale wie Kleinwuchs und kurze Finger, was die klinische Vielfalt bei FBN1-Mutationen unterstreicht.

Klinische Vielfalt und niedrige Penetranz

Die klinische Vielfalt in dieser Familie ist ein bemerkenswerter Aspekt der Studie. Während der Mann ein Verrutschen der Linse nach unten, Kleinwuchs und kurze Finger hatte, zeigte seine Tochter ein Verrutschen der Linse nach oben und eine Lücke in der Linse sowie deutlich längere Augen. Der Enkel, der ebenfalls die FBN1-Mutation trug, hatte nur eine leichte Trübung der Linse ohne weitere Anomalien. Diese Unterschiede in der klinischen Darstellung innerhalb derselben Familie zeigen die niedrige Penetranz (das Ausmaß, in dem eine Mutation klinische Merkmale verursacht) der FBN1-Mutation und die Möglichkeit von spät auftretenden Symptomen.

Die niedrige Penetranz der Mutation ist besonders beim Enkel (III-3) deutlich, der im Alter von 17 Jahren nur eine leichte angeborene Trübung der Linse ohne andere Anzeichen des Syndroms hatte. Es ist möglich, dass er später im Leben weitere Symptome entwickelt, was die Bedeutung einer langfristigen Nachsorge bei Personen mit FBN1-Mutationen unterstreicht. Die milde klinische Darstellung bei ihm zeigt auch, dass die Erkrankung leicht übersehen werden kann, wenn keine genetische Untersuchung durchgeführt wird.

Bedeutung für genetische Beratung und Diagnose

Die Ergebnisse dieser Studie haben wichtige Auswirkungen auf die genetische Beratung und die Diagnose des WMS-like-Syndroms. Die Identifizierung einer FBN1-Mutation in dieser Familie erweitert das Spektrum der klinischen Merkmale, die mit diesem Gen verbunden sind, und unterstreicht die Notwendigkeit einer umfassenden genetischen Untersuchung bei Personen mit Verdacht auf WMS oder WMS-like-Syndrom. Die niedrige Penetranz und die variable Ausprägung von FBN1-Mutationen können die Diagnose erschweren, insbesondere in Fällen, in denen die klinische Darstellung mild oder untypisch ist.

Bei der genetischen Beratung sollte die Möglichkeit von spät auftretenden Symptomen und die Möglichkeit von symptomfreien Trägern innerhalb betroffener Familien berücksichtigt werden. Die Identifizierung der FBN1-Mutation in dieser Familie zeigt auch die Bedeutung der Analyse von nicht-kodierenden Genbereichen, da Veränderungen in diesen Regionen erhebliche funktionelle Auswirkungen haben können.

Fazit

Diese Studie berichtet über eine chinesische Familie mit einem autosomal-dominant vererbten WMS-like-Syndrom, das durch eine Veränderung im FBN1-Gen (c.1327+1G>A) verursacht wird. Die klinische Vielfalt und die niedrige Penetranz in dieser Familie unterstreichen die Komplexität der Diagnose des WMS-like-Syndroms und die Bedeutung genetischer Untersuchungen zur Bestätigung der Diagnose. Die Ergebnisse erweitern das klinische Spektrum, das mit FBN1-Mutationen verbunden ist, und zeigen die Notwendigkeit einer sorgfältigen genetischen Beratung und langfristigen Nachsorge bei betroffenen Personen.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000001406
For educational purposes only.

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