Warum sterben immer noch so viele Kinder und Jugendliche an vermeidbaren Unfällen?

Warum sterben immer noch so viele Kinder und Jugendliche an vermeidbaren Unfällen?

Jedes Jahr sterben weltweit Hunderttausende Kinder und Jugendliche an Unfällen, die nicht im Straßenverkehr passieren. Diese Unfälle, sogenannte nicht-transportbedingte unbeabsichtigte Verletzungen (NTUIs), sind besonders in ärmeren Ländern ein großes Problem. Obwohl die Zahl der Todesfälle seit 1990 zurückgegangen ist, gibt es immer noch enorme Unterschiede zwischen den Regionen. Warum ist das so? Und was kann getan werden, um diese Ungleichheiten zu verringern?

Globale Trends und regionale Unterschiede

Im Jahr 2019 starben weltweit 205.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 24 Jahren an NTUIs. Das sind deutlich weniger als 1990, als noch 375.000 Todesfälle verzeichnet wurden. Die Sterberate (ASMR) sank von 17,49 auf 8,13 pro 100.000 Menschen. Doch die Unterschiede zwischen den Ländern sind groß. Während in den Niederlanden die Sterberate bei nur 0,90 pro 100.000 liegt, ist sie auf den Salomonen mit 29,34 pro 100.000 am höchsten. Besonders betroffen sind Länder in Afrika südlich der Sahara und in Südasien. Hier fehlt es oft an guter Gesundheitsversorgung, Sicherheitsmaßnahmen und wirtschaftlicher Entwicklung.

Der sozio-demografische Index (SDI), der Einkommen, Bildung und Geburtenrate misst, spielt eine wichtige Rolle. In Ländern mit niedrigem SDI ist die Sterberate am höchsten (10,46 pro 100.000), in Ländern mit hohem SDI am niedrigsten (2,59 pro 100.000). Zwar ist die Sterberate in allen Ländern gesunken, aber in armen Ländern war der Rückgang am geringsten. Hier stieg sogar die Zahl der Todesfälle von 38.000 auf 47.000, weil die Bevölkerung gewachsen ist und es an wirksamen Präventionsmaßnahmen mangelt.

Unterschiede nach Alter und Geschlecht

Jungen sterben häufiger an NTUIs als Mädchen. Im Jahr 2019 lag die Sterberate bei Jungen bei 10,12 pro 100.000, bei Mädchen bei 5,92 pro 100.000. Am höchsten ist das Risiko für jüngere Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahren. Mit zunehmendem Alter sinkt das Risiko, doch bei jungen Erwachsenen zwischen 20 und 24 Jahren steigt es wieder an, besonders in reichen Ländern. Das liegt oft an gefährlichen Arbeitsbedingungen und riskantem Verhalten.

Eine spezielle Analyse (APC-Modell) zeigt, dass sich die Situation über die Generationen verbessert hat. Die Sterberate sank jährlich um 2,78% bei Jungen und 2,58% bei Mädchen. Jugendliche, die im Jahr 2010 geboren wurden, haben ein 58% geringeres Risiko, an NTUIs zu sterben, als diejenigen, die 1970 geboren wurden. Das ist ein Erfolg von besseren Gesundheitsmaßnahmen und Sicherheitsvorschriften.

Hauptursachen für Todesfälle

Ertrinken ist weltweit die häufigste Todesursache bei NTUIs. Es ist für 30,7% der Todesfälle bei Jungen und 23,3% bei Mädchen verantwortlich. Doch die Ursachen unterscheiden sich stark zwischen armen und reichen Ländern:

  • In armen Ländern: Ertrinken, Verletzungen durch Tiere und mechanische Einwirkungen sind die Hauptursachen. Tierbedingte Todesfälle machen 9,9–20,1% der Fälle aus, weil es oft an Tierärzten und Sicherheitsmaßnahmen mangelt.
  • In reichen Ländern: Verschlucken von Fremdkörpern und Vergiftungen sind häufiger. Sie machen 6,3–13,7% bzw. 3,2–11,5% der Todesfälle aus. Das hängt mit städtischen Lebensbedingungen und Chemikalien im Haushalt zusammen.

Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: Jungen sterben häufiger durch Ertrinken, Stürze und mechanische Verletzungen, während Mädchen eher an Verbrennungen und Tierverletzungen sterben. In armen Ländern sind Verbrennungen für 24,2% der Todesfälle bei Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren verantwortlich. Das zeigt, wie gefährlich das Leben in unsicheren Wohnverhältnissen sein kann.

Sozioökonomische Faktoren und Ungleichheit

Der SDI hat einen starken Einfluss auf die Sterberate. Eine Erhöhung des SDI um 0,1 Punkte führt global zu einer Reduzierung der Sterberate um 29%. Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahren profitieren am meisten: Ihre Sterberate sinkt um 37% pro 0,1 SDI-Anstieg. In Europa und Zentralasien ist die Sterberate mit steigendem SDI am stärksten gesunken, während in Afrika südlich der Sahara die Fortschritte langsamer sind.

Maßzahlen wie der Slope Index of Inequality (SII), der Relative Index of Inequality (RII) und der Concentration Index (CI) zeigen, dass die Ungleichheit zwar abgenommen hat, aber immer noch groß ist. Die absolute Ungleichheit (SII) sank von 7,77 auf 3,61 pro 100.000 zwischen 1990 und 2019. Doch die relative Ungleichheit (RII und CI) blieb stabil. Das bedeutet, dass arme Länder weiterhin eine überproportional hohe Last tragen. Zum Beispiel war die Sterberate von Mädchen in armen Ländern 1990 3,11-mal höher als in reichen Ländern, und 2019 immer noch 2,46-mal höher.

Was kann getan werden?

Die Studie zeigt, dass gezielte Maßnahmen nötig sind. In armen Ländern könnten Programme zur Verhinderung von Ertrinken, Tierverletzungen und Verbesserung der Notfallversorgung viele Leben retten. In reichen Ländern sind Programme zur Vergiftungsprävention und zum Schutz vor Fremdkörpern wichtig. Die Integration von NTUI-Prävention in die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) könnte helfen, Armut, Bildung und Gesundheitsversorgung zu verbessern.

Es braucht mehr finanzielle Unterstützung für ärmere Länder, um bessere Überwachungssysteme und wirksame Präventionsmaßnahmen zu schaffen. Internationale Zusammenarbeit, wie Impfungen gegen Tierverletzungen und Sicherheitsaufklärung in Gemeinden, ist entscheidend. Geschlechtsspezifische Ansätze müssen die unterschiedlichen Risiken für Jungen und Mädchen berücksichtigen, zum Beispiel durch bessere Arbeitsschutzmaßnahmen und Sicherheit im Haushalt.

Grenzen der Studie

Die Studie weist darauf hin, dass die Daten in armen Ländern oft unvollständig sind, weil es an Meldesystemen mangelt. Analysen mit anderen Indizes wie dem Human Development Index (HDI) bestätigen jedoch die Ergebnisse. Auch innerhalb von Ländern gibt es ähnliche Ungleichheiten wie global.

Fazit

Obwohl die Sterberate durch NTUIs weltweit gesunken ist, sind Kinder und Jugendliche in ärmeren Regionen weiterhin gefährdet. Um diese Ungleichheiten zu verringern, braucht es gezielte Maßnahmen, mehr finanzielle Mittel und internationale Zusammenarbeit. Nur so kann sichergestellt werden, dass niemand im Kampf gegen vermeidbare Unfälle zurückgelassen wird.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000002315
For educational purposes only.

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