Warum sprechen manche Krebsarten besser auf Immuntherapien an als andere?
Krebs ist eine der komplexesten Krankheiten, und die Behandlung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Besonders die sogenannten Immuntherapien, die das körpereigene Abwehrsystem nutzen, um Krebszellen zu bekämpfen, haben die Behandlung von fortgeschrittenem Lungenkrebs (nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom, NSCLC) revolutioniert. Doch warum wirken diese Therapien bei manchen Patienten besser als bei anderen? Eine aktuelle Studie hat untersucht, wie sich die Ausbreitung des Krebses auf verschiedene Organe auf die Wirksamkeit der Immuntherapie auswirkt.
Was sind Immuntherapien und wie funktionieren sie?
Immuntherapien, auch als Checkpoint-Inhibitoren (ICI) bekannt, blockieren bestimmte Signalwege, die Krebszellen nutzen, um sich vor dem Immunsystem zu verstecken. Ein bekannter Mechanismus ist die Blockade des PD-1/PD-L1-Systems. PD-1 ist ein Protein auf Immunzellen, und PD-L1 ist sein Gegenstück auf Krebszellen. Wenn diese beiden Proteine sich verbinden, wird die Immunantwort unterdrückt. Checkpoint-Inhibitoren unterbrechen diese Verbindung und ermöglichen es dem Immunsystem, die Krebszellen anzugreifen.
Trotz dieser vielversprechenden Therapie gibt es große Unterschiede in der Wirksamkeit. Faktoren wie die Menge des PD-L1-Proteins auf den Krebszellen, das Umfeld des Tumors und die Orte, an denen der Krebs gestreut hat, spielen eine Rolle. Diese Studie hat sich auf Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC konzentriert, bei denen der PD-L1-Wert hoch ist (TPS ≥50%) und die in gutem Allgemeinzustand sind (ECOG 0–1).
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Die Studie analysierte retrospektiv die Daten von 40 Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC, die zwischen Mai 2019 und Juli 2020 am Guangdong Provincial People’s Hospital behandelt wurden. Alle Patienten erhielten Pembrolizumab, einen bekannten Checkpoint-Inhibitor, als alleinige Therapie. Patienten mit bestimmten genetischen Mutationen (EGFR oder ALK) wurden ausgeschlossen.
Die Ausbreitung des Krebses in verschiedene Organe wie Leber, Knochen, Gehirn, Nebennieren, Lungenfell und die gegenüberliegende Lunge wurde untersucht. Die Forscher bewerteten, wie lange die Patienten ohne Fortschreiten der Krankheit lebten (PFS), wie lange sie insgesamt überlebten (OS) und wie gut der Krebs in den einzelnen Organen auf die Therapie ansprach (OSDCR).
Welche Rolle spielen Lebermetastasen?
Die Studie zeigte, dass die Ausbreitung des Krebses in die Leber ein schlechtes Zeichen ist. Patienten mit Lebermetastasen hatten eine deutlich kürzere Zeit ohne Krankheitsfortschritt (3,1 Monate) im Vergleich zu Patienten ohne Lebermetastasen (15,5 Monate). Auch das Gesamtüberleben war bei diesen Patienten kürzer (11,1 Monate vs. nicht erreicht).
Interessanterweise sprachen Lebermetastasen auch schlechter auf die Therapie an. Nur 25% der Lebermetastasen konnten kontrolliert werden, was darauf hindeutet, dass die Umgebung in der Leber die Wirkung der Immuntherapie beeinträchtigt.
Knochenmetastasen: Ein Risikofaktor?
Knochenmetastasen waren mit einer Tendenz zu kürzerem PFS verbunden (4,2 vs. 15,5 Monate), hatten aber keinen signifikanten Einfluss auf das Gesamtüberleben. Die Studie zeigte auch, dass Knochenmetastasen oft zusammen mit Lebermetastasen auftraten, was auf eine besonders aggressive Form der Krankheit hindeutet.
Gehirnmetastasen und lokale Therapie
Bei Patienten mit Gehirnmetastasen zeigte sich, dass die Kombination von Immuntherapie mit lokalen Behandlungen wie Bestrahlung oder Operation vorteilhaft war. Patienten, die zusätzlich zur Immuntherapie eine lokale Behandlung erhielten, hatten eine längere Zeit ohne Krankheitsfortschritt (15,5 vs. 4,3 Monate) und eine höhere 2-Jahres-Überlebensrate (83% vs. 33%). Dies deutet darauf hin, dass eine Kombination aus Immuntherapie und lokalen Behandlungen die Kontrolle von Gehirnmetastasen verbessern kann.
Andere Metastasenorte
Für Metastasen in der gegenüberliegenden Lunge, im Lungenfell oder in den Nebennieren gab es keine signifikanten Unterschiede in PFS oder OS. Besonders interessant war, dass Lungenmetastasen am besten auf die Therapie ansprachen, mit einer Krankheitskontrollrate von 88%. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Umgebung in der Lunge die Immunantwort besser unterstützt.
Wie beeinflusst die Anzahl der Metastasen das Überleben?
Die Studie untersuchte auch, wie sich die Anzahl der befallenen Organe auf das Überleben auswirkt. Patienten mit Metastasen in einem Organ hatten eine längere Zeit ohne Krankheitsfortschritt (25,2 Monate) im Vergleich zu Patienten mit Metastasen in zwei (14,4 Monate) oder drei oder mehr Organen (4,4 Monate). Auch das 2-Jahres-Überleben war bei Patienten mit mehreren Metastasenorten niedriger.
Welche Faktoren beeinflussen die Prognose?
Eine detaillierte Analyse zeigte, dass Lebermetastasen ein unabhängiger Risikofaktor für kürzeres PFS und OS sind. Knochenmetastasen waren ebenfalls mit kürzerem PFS verbunden. Gehirnmetastasen ohne lokale Behandlung tendierten zu schlechteren Ergebnissen, aber der Unterschied war statistisch nicht signifikant.
Wie reagieren Tumoren in verschiedenen Organen auf die Therapie?
Bei 18 Patienten mit messbaren Tumoren wurde die Größe der Tumoren vor und nach der Therapie verglichen. Die Gesamtansprechrate (ORR) betrug 44%, und die Krankheitskontrollrate (DCR) lag bei 83%. Die Analyse zeigte jedoch große Unterschiede zwischen den Organen:
- Lungenmetastasen: Die Tumoren schrumpften im Durchschnitt um 29,69%.
- Nebennierenmetastasen: Die Tumoren schrumpften um 11,22%.
- Lebermetastasen: Die Tumoren wuchsen im Durchschnitt um 98,53%.
Diese Ergebnisse unterstreichen, dass die Umgebung in der Leber die Wirkung der Immuntherapie stark beeinträchtigt.
Was bedeuten diese Ergebnisse für die Behandlung?
Die Studie zeigt, dass die Orte, an denen der Krebs gestreut hat, einen großen Einfluss auf die Wirksamkeit der Immuntherapie haben. Patienten mit Leber- oder Knochenmetastasen könnten von einer intensiveren Kombinationstherapie profitieren. Bei Gehirnmetastasen scheint die Kombination von Immuntherapie mit lokalen Behandlungen vielversprechend zu sein.
Einschränkungen der Studie
Die Studie hat einige Einschränkungen. Die retrospektive Natur und die kleine Stichprobengröße (40 Patienten) machen es schwierig, die Ergebnisse auf alle Patienten zu übertragen. Zudem fehlten detaillierte molekulare Analysen der Metastasen, die weitere Einblicke in die Ursachen der unterschiedlichen Ansprechraten geben könnten.
Fazit
Die Ausbreitung des Krebses in verschiedene Organe hat einen großen Einfluss auf die Wirksamkeit von Immuntherapien. Patienten mit Leber- oder Knochenmetastasen haben oft schlechtere Ergebnisse und könnten von einer frühzeitigen Kombinationstherapie profitieren. Bei Gehirnmetastasen scheint die Kombination von Immuntherapie mit lokalen Behandlungen vielversprechend zu sein. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit personalisierter Behandlungsstrategien und weiterer Forschung, um die biologischen Mechanismen hinter diesen Unterschieden zu verstehen.
For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002217