Warum reagieren Menschen mit HIV schwächer auf die dritte Dosis des SARS-CoV-2-Impfstoffs?
Die COVID-19-Pandemie hat die Welt seit 2020 fest im Griff. Bis Oktober 2023 wurden über 771 Millionen bestätigte Fälle und 6,96 Millionen Todesfälle gemeldet. Impfungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Eindämmung des Virus. Doch wie gut wirken sie bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, wie beispielsweise Menschen mit HIV (PLWH)? Eine neue Studie zeigt, dass ein bestimmtes Molekül namens TIGIT (T-Zell-Immunrezeptor mit speziellen Hemmfunktionen) die Immunantwort bei PLWH beeinträchtigen könnte.
Hintergrund: Was ist TIGIT und warum ist es wichtig?
TIGIT ist ein Molekül, das auf bestimmten Immunzellen, den T-Zellen, sitzt. Es wirkt wie eine Bremse: Es dämpft die Aktivierung und Vermehrung der T-Zellen. Das ist wichtig, um das Immunsystem im Gleichgewicht zu halten. Bei chronischen Infektionen wie HIV oder bei Krebs kann TIGIT jedoch dazu führen, dass die T-Zellen „erschöpfen“ und nicht mehr effektiv gegen Viren kämpfen können.
Die Rolle von TIGIT bei der SARS-CoV-2-Impfung war bisher unklar. Besonders bei PLWH, deren Immunsystem bereits geschwächt ist, könnte TIGIT die Wirksamkeit des Impfstoffs beeinträchtigen. Diese Studie untersuchte, wie sich TIGIT auf die Immunantwort nach einer dritten Dosis eines inaktivierten SARS-CoV-2-Impfstoffs bei PLWH im Vergleich zu gesunden Personen (HCs) auswirkt.
Studie: Wer wurde untersucht und wie?
Die Studie umfasste 45 PLWH, die eine antiretrovirale Therapie (ART) erhielten und deren Viruslast nicht nachweisbar war, sowie 31 gesunde Personen. Alle Teilnehmer erhielten eine dritte Dosis des inaktivierten SARS-CoV-2-Impfstoffs. Blutproben wurden zu drei Zeitpunkten entnommen: vor der Impfung (0W), 4 Wochen (4W) und 12 Wochen (12W) danach. Die Forscher analysierten die Häufigkeit, Aktivierung und Zusammensetzung von TIGIT-positiven T-Zellen (TIGIT+CD4+ und TIGIT+CD8+) sowie die spezifische Immunantwort auf SARS-CoV-2.
Ergebnisse: Was wurde entdeckt?
TIGIT auf T-Zellen
Die Studie zeigte, dass die Anzahl der TIGIT+CD8+ T-Zellen bei PLWH nach 12 Wochen deutlich anstieg, bei gesunden Personen jedoch stabil blieb. Bei den TIGIT+CD4+ T-Zellen gab es keine signifikanten Veränderungen in beiden Gruppen. Das deutet darauf hin, dass HIV die Expression von TIGIT auf CD8+ T-Zellen fördern könnte, was deren Fähigkeit, Viren zu bekämpfen, beeinträchtigt.
Spezifische Immunantwort auf SARS-CoV-2
Die spezifische Immunantwort der TIGIT+CD8+ T-Zellen auf SARS-CoV-2 blieb bei PLWH schwach und stieg nicht signifikant an. Bei gesunden Personen hingegen stieg die Antwort allmählich an und erreichte nach 12 Wochen ihren Höhepunkt. Interessanterweise waren die SARS-CoV-2-spezifischen Antworten der TIGIT+CD8+ T-Zellen bei PLWH deutlich schwächer als bei den TIGIT-negativen CD8+ T-Zellen. Bei gesunden Personen gab es diesen Unterschied nicht.
Bei den CD4+ T-Zellen stieg die spezifische Immunantwort in beiden Gruppen nach 12 Wochen an. Allerdings zeigten PLWH stärkere Antworten in den TIGIT+CD4+ T-Zellen, während bei gesunden Personen kein signifikanter Unterschied zwischen TIGIT+ und TIGIT- Zellen festgestellt wurde.
Aktivierung der T-Zellen
Die Aktivierung der TIGIT+CD8+ T-Zellen, gemessen an bestimmten Markern (CD38 und HLA-DR), stieg bei PLWH nach 4 und 12 Wochen deutlich an. Bei gesunden Personen sank die Aktivierung zunächst nach 4 Wochen, stieg dann aber nach 12 Wochen wieder an. Diese erhöhte Aktivierung könnte erklären, warum die Anzahl der TIGIT+CD8+ T-Zellen bei PLWH zunahm.
Bei den TIGIT+CD4+ T-Zellen stieg die Aktivierung in beiden Gruppen nach 12 Wochen an, ohne signifikante Unterschiede zwischen PLWH und gesunden Personen.
Zusammensetzung der T-Zell-Subtypen
Die Studie untersuchte auch die Zusammensetzung der T-Zell-Subtypen. Bei PLWH stieg der Anteil der Effektor-Gedächtnis-T-Zellen (TEM) unter den TIGIT+CD8+ T-Zellen nach 12 Wochen, während der Anteil der naiven T-Zellen (TN) und der zentralen Gedächtnis-T-Zellen (TCM) abnahm. Bei gesunden Personen wurde diese Verschiebung nicht beobachtet. Das deutet darauf hin, dass HIV die Gedächtnisantwort der T-Zellen auf die Impfung verändern könnte.
Bei den TIGIT+CD4+ T-Zellen stieg der Anteil der TCM- und TEM-Subtypen bei PLWH nach 12 Wochen an, während bei gesunden Personen nur der TCM-Anteil zunahm. Das zeigt, dass TIGIT die Zusammensetzung der CD4+ T-Zellen bei PLWH und gesunden Personen unterschiedlich beeinflussen könnte.
Diskussion: Was bedeuten diese Ergebnisse?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass TIGIT die Immunantwort auf die SARS-CoV-2-Impfung bei PLWH beeinträchtigt. Die erhöhte Anzahl und Aktivierung der TIGIT+CD8+ T-Zellen bei PLWH, gepaart mit deren schwachen spezifischen Antworten, lässt vermuten, dass TIGIT die Fähigkeit der CD8+ T-Zellen, das Virus zu bekämpfen, schwächt. Das passt zu früheren Studien, die zeigen, dass TIGIT bei chronischen Infektionen zur Erschöpfung der T-Zellen beiträgt.
Gleichzeitig spielen TIGIT-negative CD8+ T-Zellen eine wichtige Rolle bei der Immunantwort auf die Impfung bei PLWH. Ihre starke Aktivierung und spezifische Antworten deuten darauf hin, dass sie entscheidend für die Bekämpfung von SARS-CoV-2 sind. Das könnte für die Entwicklung neuer Therapien wichtig sein, um die Wirksamkeit von Impfstoffen bei immungeschwächten Personen zu verbessern.
Interessanterweise hatte TIGIT bei den CD4+ T-Zellen kaum Auswirkungen auf die Immunantwort. Das zeigt, dass TIGIT unterschiedliche Rollen bei der Regulation von CD4+ und CD8+ T-Zellen spielt. Weitere Forschung ist nötig, um diese Mechanismen besser zu verstehen und zu prüfen, ob eine Blockade von TIGIT die Impfstoffwirksamkeit verbessern könnte.
Einschränkungen der Studie
Die Studie hat einige Grenzen. Zum einen wurden nur PLWH untersucht, die eine erfolgreiche ART erhielten und deren HIV-Infektion gut kontrolliert war. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht auf Personen mit schwachem Immunsystem übertragen. Zum anderen wurde der Einfluss des Geschlechts auf die Immunantwort nicht untersucht. Das sollte in zukünftigen Studien mit größeren Stichproben berücksichtigt werden.
Fazit
Diese Studie liefert wichtige Erkenntnisse darüber, wie TIGIT die Immunantwort auf die SARS-CoV-2-Impfung bei PLWH beeinflusst. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass TIGIT die spezifische T-Zell-Antwort auf Impfstoffe schwächt, insbesondere bei CD8+ T-Zellen. Das könnte die Resistenz gegen SARS-CoV-2 bei PLWH verringern. Diese Erkenntnisse könnten helfen, Impfstrategien und Therapien zu entwickeln, die die Immunantwort bei immungeschwächten Personen stärken. Weitere Forschung ist jedoch nötig, um das Potenzial einer TIGIT-Blockade zu erforschen.
For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002926