Warum nehmen junge Männer, die Sex mit Männern haben, in Nordchina Risiken beim Sex in Kauf?
Die Zahl der HIV-Infektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), steigt in China seit Jahren. Besonders besorgniserregend ist die Situation bei männlichen Studenten, die Sex mit Männern haben (SMSM). Warum nehmen diese jungen Männer Risiken wie ungeschützten Analverkehr (UAI) in Kauf? Eine Studie aus drei nördlichen Regionen Chinas – Peking, Tianjin und Shijiazhuang – gibt Antworten.
Hintergrund: Warum ist das Problem so drängend?
HIV ist in China ein wachsendes Problem, besonders bei MSM. Zwischen 2003 und 2015 stieg die HIV-Rate in dieser Gruppe von 0,9 % auf 8,0 %. Bei SMSM ist die Lage noch alarmierender: Die Zahl der HIV-Fälle bei Schülern und Studenten ab 15 Jahren vervierfachte sich zwischen 2008 und 2014. In Peking, Tianjin und Shijiazhuang, drei Städten mit vielen Universitäten, ist die Situation besonders kritisch. In Tianjin stieg die HIV-Rate bei SMSM von 0,95 % im Jahr 2012 auf 4,03 % im Jahr 2016. In Peking waren 2016 über 85 % der neu diagnostizierten HIV-Fälle bei Studenten auf Sex zwischen Männern zurückzuführen.
Die Studie: Wer wurde untersucht und wie?
Die Studie wurde von November 2018 bis Januar 2019 durchgeführt. Sie umfasste 511 SMSM aus Peking, Tianjin und Shijiazhuang. Die Teilnehmer waren männlich, mindestens 18 Jahre alt, Vollzeitstudenten und hatten in den letzten sechs Monaten Analverkehr mit einem Mann gehabt. Personen mit einer früheren HIV-Diagnose wurden ausgeschlossen.
Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Diejenigen, die in den letzten sechs Monaten UAI hatten (Fälle), und diejenigen, die dies nicht taten (Kontrollen). Die Daten wurden über Online-Fragebögen gesammelt, die Fragen zu Alter, Bildungsstand, sexueller Orientierung, Anzahl der Sexualpartner, Drogenkonsum vor dem Sex, selbst eingeschätztem HIV-Risiko und Merkmalen des ersten Analverkehrs enthielten.
Ergebnisse: Was erhöht das Risiko für ungeschützten Sex?
Von den 511 Teilnehmern gaben 210 (41,1 %) an, in den letzten sechs Monaten UAI gehabt zu haben. Die Studie identifizierte mehrere Faktoren, die mit einem höheren Risiko für UAI verbunden waren:
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Altersunterschiede in Beziehungen: Teilnehmer, die Sex mit einem mindestens 10 Jahre älteren Partner hatten, hatten ein 2,2-fach höheres Risiko für UAI. Dies könnte daran liegen, dass jüngere SMSM in solchen Beziehungen weniger Einfluss auf die Verwendung von Kondomen haben.
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Drogenkonsum vor dem Sex: SMSM, die vor dem Sex „leere Kapseln“ (eine Art Droge) konsumierten, hatten ein fast 4-fach höheres Risiko für UAI. Diese Substanzen können das Urteilsvermögen beeinträchtigen und die Bereitschaft zu riskantem Verhalten erhöhen.
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Selbst eingeschätztes HIV-Risiko: Teilnehmer, die ihr HIV-Risiko als moderat einschätzten, hatten ein 2,1-fach höheres Risiko für UAI. Interessanterweise war das Risiko bei denen, die sich selbst als hoch gefährdet einschätzten, nicht signifikant erhöht.
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Erster Analverkehr ohne Kondom: SMSM, die beim ersten Analverkehr kein Kondom benutzten oder es abnahmen, hatten ein 2,2-fach höheres Risiko für UAI in den letzten sechs Monaten.
Warum sind diese Ergebnisse wichtig?
Die Studie zeigt, dass bestimmte Faktoren das Risiko für UAI bei SMSM in Nordchina erhöhen. Diese Erkenntnisse sind entscheidend, um gezielte Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.
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Altersunterschiede in Beziehungen: Junge SMSM in Beziehungen mit älteren Partnern brauchen Unterstützung, um selbstbewusst über Kondomnutzung zu verhandeln. Programme, die ihre Entscheidungsfähigkeit stärken, könnten helfen.
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Drogenkonsum: Der Konsum von Substanzen wie „leeren Kapseln“ ist ein ernstes Problem. Aufklärung über die Risiken und Unterstützung bei der Reduzierung des Drogenkonsums sind wichtige Schritte.
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Selbst eingeschätztes HIV-Risiko: Menschen, die ihr Risiko als moderat einschätzen, erkennen zwar die Gefahr, ändern aber ihr Verhalten oft nicht. Bessere Aufklärung und Motivation könnten hier Abhilfe schaffen.
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Erster Analverkehr: Frühe sexuelle Bildung, die die Bedeutung von Kondomen betont, kann helfen, riskantes Verhalten von Anfang an zu vermeiden.
Grenzen der Studie
Die Studie hat einige Einschränkungen. Erstens wurden die Teilnehmer über NGOs rekrutiert, was die Ergebnisse möglicherweise nicht auf alle SMSM übertragbar macht. Zweitens basieren die Daten auf Selbstauskünften, die fehlerhaft sein könnten. Drittens kann die Studie keine Ursache-Wirkung-Beziehungen nachweisen, da sie retrospektiv (rückblickend) angelegt war.
Fazit
Die Studie zeigt, dass UAI bei SMSM in Nordchina weit verbreitet ist und mit bestimmten Faktoren wie Altersunterschieden, Drogenkonsum und selbst eingeschätztem HIV-Risiko zusammenhängt. Gezielte Maßnahmen, die diese Faktoren angehen, sind entscheidend, um das Risiko für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen zu reduzieren. Frühe und umfassende sexuelle Bildung kann dabei eine zentrale Rolle spielen.
For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000311