Warum haben manche Patienten mit Sjögren-Syndrom ein höheres Risiko für Lymphdrüsenkrebs?
Das Sjögren-Syndrom ist eine chronische Erkrankung, bei der das Immunsystem die körpereigenen Drüsen angreift. Besonders betroffen sind die Speichel- und Tränendrüsen. Viele Patienten leiden unter starkem Mundtrockenheit und trockenen Augen. Doch was viele nicht wissen: Diese Erkrankung kann auch das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen, insbesondere für Lymphdrüsenkrebs. Warum ist das so? Und welche Patienten sind besonders gefährdet? Eine aktuelle Studie hat Antworten auf diese Fragen geliefert.
Die Studie im Überblick
Eine Forschungsgruppe aus China hat untersucht, welche Faktoren das Risiko für Lymphdrüsenkrebs bei Patienten mit Sjögren-Syndrom erhöhen. Die Studie wurde in drei Krankenhäusern durchgeführt: dem Peking University People’s Hospital, dem Linfen Third People’s Hospital und dem Affiliated Hospital of North Sichuan Medical College. Insgesamt wurden 120 Patienten mit Sjögren-Syndrom untersucht. Davon hatten 40 Patienten zusätzlich Lymphdrüsenkrebs, während 80 Patienten nur an Sjögren-Syndrom litten.
Die Forscher analysierten die Krankengeschichten, Laborwerte und Behandlungsmethoden der Patienten. Besonderes Augenmerk lag auf den immunologischen Merkmalen, also den Besonderheiten des Immunsystems. Die Ergebnisse wurden mit statistischen Methoden ausgewertet, um Zusammenhänge zu erkennen.
Was wurde herausgefunden?
Die Studie zeigte, dass bestimmte Merkmale bei Patienten mit Sjögren-Syndrom und Lymphdrüsenkrebs häufiger vorkamen. So hatten diese Patienten oft niedrigere Werte an weißen Blutkörperchen (Lymphozyten) und litten häufiger unter Blutarmut (Anämie). Auch bestimmte Entzündungsmarker, wie das Protein IgA, waren bei diesen Patienten erhöht.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis war, dass Patienten mit Sjögren-Syndrom und Lymphdrüsenkrebs oft eine höhere Krankheitsaktivität aufwiesen. Dies wurde anhand des sogenannten ESSDAI-Scores gemessen, der die Schwere der Erkrankung bewertet. Patienten mit hohen ESSDAI-Werten hatten ein deutlich höheres Risiko, an Lymphdrüsenkrebs zu erkranken.
Welche Rolle spielt das Immunsystem?
Das Immunsystem spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Lymphdrüsenkrebs bei Sjögren-Syndrom. Die Studie zeigte, dass bei Patienten mit Lymphdrüsenkrebs bestimmte Zellen des Immunsystems, wie die sogenannten T-Helferzellen, verändert waren. Diese Zellen sind normalerweise dafür verantwortlich, Infektionen zu bekämpfen. Bei Patienten mit Sjögren-Syndrom und Lymphdrüsenkrebs waren jedoch zu viele dieser Zellen aktiv, was zu chronischen Entzündungen führen kann.
Ein weiterer wichtiger Faktor war die Anzahl der regulatorischen T-Zellen (Treg-Zellen). Diese Zellen helfen normalerweise, das Immunsystem zu kontrollieren und zu verhindern, dass es den eigenen Körper angreift. Bei Patienten mit Sjögren-Syndrom und Lymphdrüsenkrebs waren diese Zellen jedoch in geringerer Anzahl vorhanden. Dies könnte erklären, warum das Immunsystem bei diesen Patienten aus dem Gleichgewicht gerät und das Risiko für Krebs erhöht.
Welche Art von Lymphdrüsenkrebs trat am häufigsten auf?
Die meisten Patienten mit Sjögren-Syndrom und Lymphdrüsenkrebs hatten eine spezielle Form von Lymphdrüsenkrebs, das sogenannte Non-Hodgkin-Lymphom (NHL). Besonders häufig war das marginale Zonenlymphom (MZL), das oft in den Speicheldrüsen auftrat. Eine Unterart davon, das MALT-Lymphom, war die häufigste Krebsart bei diesen Patienten. Ein weiterer häufiger Typ war das diffuse großzellige B-Zell-Lymphom (DLBCL).
Wie wurden die Patienten behandelt?
Die Behandlung der Patienten mit Sjögren-Syndrom und Lymphdrüsenkrebs war sehr unterschiedlich. Einige Patienten wurden operiert, andere erhielten Chemotherapie oder eine spezielle Antikörpertherapie mit Rituximab. Diese Therapie zeigte bei einigen Patienten gute Ergebnisse, insbesondere bei denen mit MALT-Lymphom. Allerdings gab es auch Nebenwirkungen, wie eine verringerte Anzahl von Blutplättchen (Thrombozytopenie), die behandelt werden musste.
Wie war die Prognose der Patienten?
Die Studie zeigte, dass Patienten mit Sjögren-Syndrom und Lymphdrüsenkrebs eine kürzere Lebenserwartung hatten als Patienten ohne Krebs. Die durchschnittliche Überlebenszeit betrug bei Patienten mit Lymphdrüsenkrebs etwa 24 Jahre, während sie bei Patienten ohne Krebs bei 34 Jahren lag. Die Haupttodesursachen waren Komplikationen der Grunderkrankung, wie Infektionen oder Rückfälle nach der Chemotherapie.
Welche Faktoren erhöhen das Risiko für Lymphdrüsenkrebs?
Die Forscher identifizierten mehrere Faktoren, die das Risiko für Lymphdrüsenkrebs bei Patienten mit Sjögren-Syndrom erhöhen. Dazu gehörten:
- Hohe ESSDAI-Werte: Patienten mit einer hohen Krankheitsaktivität hatten ein höheres Risiko.
- Blutarmut (Anämie): Patienten mit niedrigen roten Blutkörperchen waren stärker gefährdet.
- Niedrige Lymphozytenwerte: Ein Mangel an weißen Blutkörperchen war ein weiterer Risikofaktor.
- Erhöhte IgA-Werte: Hohe Werte dieses Proteins waren mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden.
- Veränderte T-Helferzellen: Eine erhöhte Anzahl bestimmter T-Helferzellen (Th1-TNF-α) war ebenfalls ein Risikofaktor.
Was bedeutet das für die Praxis?
Diese Ergebnisse sind wichtig, um Patienten mit Sjögren-Syndrom besser zu überwachen. Patienten mit den genannten Risikofaktoren sollten engmaschig untersucht werden, um Lymphdrüsenkrebs frühzeitig zu erkennen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung könnte die Prognose verbessern.
Fazit
Lymphdrüsenkrebs, insbesondere das MALT-Lymphom, ist eine häufige Komplikation bei Patienten mit Sjögren-Syndrom. Hohe ESSDAI-Werte, Blutarmut, niedrige Lymphozytenwerte, erhöhte IgA-Werte und Veränderungen der T-Helferzellen sind wichtige Risikofaktoren. Patienten mit diesen Merkmalen sollten besonders sorgfältig überwacht werden, um das Risiko für Lymphdrüsenkrebs zu minimieren.
For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002912