Warum greifen Immunzellen bei Sjögren-Syndrom den eigenen Körper an?

Warum greifen Immunzellen bei Sjögren-Syndrom den eigenen Körper an? Ein Hinweis in ihren chemischen Markierungen

Stellen Sie sich vor, das Abwehrsystem Ihres Körpers wendet sich gegen Sie selbst. Für Menschen mit primärem Sjögren-Syndrom (pSS) ist dies kein hypothetisches Szenario, sondern Alltag. Ihre Immunzellen greifen fälschlicherweise die feuchtigkeitsproduzierenden Drüsen an, was zu trockenen Augen, einem ausgetrockneten Mund und manchmal sogar zu Schäden an Organen wie Lunge oder Nieren führt. Wissenschaftler haben sich lange gefragt, was diese Zellen dazu bringt, sich gegen den eigenen Körper zu wenden. Neue Forschungen deuten auf winzige chemische Markierungen auf der DNA als möglichen Auslöser hin.


Das fehlgeleitete Abwehrsystem des Körpers

Bei Autoimmunerkrankungen wie pSS verwechselt das Immunsystem gesundes Gewebe mit Eindringlingen. Monozyten – eine Art weißer Blutkörperchen, die Infektionen bekämpfen – gehören zu den ersten Zellen, die in diesem fehlerhaften Angriff involviert sind. Frühere Studien zeigten, dass sich diese Zellen in den Speicheldrüsen ansammeln, bevor andere Immunzellen eintreffen, was darauf hindeutet, dass sie eine Schlüsselrolle beim Auslösen der Schäden spielen. Aber warum werden Monozyten feindselig?

Ein Forscherteam in China suchte nach Antworten in der Epigenetik – chemischen Veränderungen, die beeinflussen, wie Gene funktionieren, ohne die DNA selbst zu verändern. Ihr Fokus lag auf der DNA-Methylierung, einem Prozess, bei dem kleine Moleküle wie Klebezettel an die DNA anhaften und Gene stummschalten oder aktivieren. Man kann es sich wie einen Dimmer für die Genaktivität vorstellen.


Die „chemischen Notizen“ in Immunzellen lesen

Die Studie verglich Blutproben von 11 pSS-Patienten und 5 gesunden Freiwilligen. Mit fortschrittlicher Technologie kartierte das Team über 850.000 Methylierungsstellen in Monozyten – den infektionsbekämpfenden Zellen, die oft mit Entzündungen in Verbindung gebracht werden. Hier ist, was auffiel:

  1. Fehlende Markierungen auf Alarmgenen
    pSS-Monozyten hatten weniger Methylierungsmarkierungen (Hypomethylierung) auf Genen, die mit dem Interferon-Pfad verbunden sind. Interferone sind Proteine, die wie Notfallalarme wirken und die Immunabwehr mobilisieren. Bei pSS waren diese Gene überaktiv, was wahrscheinlich eine ständige Entzündung anheizte. Zu den Schlüsselgenen gehörten:

    • IFI44L und MX1 (mit Virusabwehr verbunden).
    • PARP9 und IFITM1 (an der Immunsignalübertragung beteiligt).

    „Es ist, als würde man die Bremsen eines Autos entfernen“, erklärt Dr. Yun-Yun Fei, eine Mitautorin. „Ohne genügend Methylierungsmarkierungen bleiben diese Gene ständig aktiv, auch wenn keine echte Bedrohung vorliegt.“

  2. Fehlgeleitete Markierungen in anderen Pfaden
    Andere Gene mit veränderter Methylierung waren verbunden mit:

    • Antigenpräsentation: Wie Zellen verdächtiges Material dem Immunsystem zeigen.
    • Zelladhäsion: Wie Zellen zusammenhalten oder wandern.
    • Stoffwechsel: Energieproduktionsprozesse.

    Patienten mit hohen Spiegeln eines Antikörpers namens IgG wiesen noch mehr Methylierungsveränderungen in Pfaden wie der Notch-Signalübertragung auf, die die Zellentwicklung beeinflusst.


Hinweise aus Speicheldrüsen und Autoantikörpern

Das Team verglich seine Ergebnisse auch mit früheren Studien an Speicheldrüsenzellen von pSS-Patienten. Beide Zelltypen zeigten Methylierungsveränderungen in Genen, die mit folgenden Prozessen verbunden sind:

  • Zellalterung
  • Entzündungspfade (wie IL-17, ein Treiber von Autoimmunreaktionen).

Ein weiterer wichtiger Befund: Patienten mit zwei spezifischen Antikörpern (Anti-SSA und Anti-SSB) wiesen mehr Methylierungsverschiebungen auf als solche mit nur einem. Diese Veränderungen betrafen Pfade wie die AMP-aktivierte Proteinkinase (ein Stoffwechselregulator) und die Ribosomenfunktion (die Proteinfabrik der Zelle).


Warum das wichtig ist

  1. Diagnostisches Potenzial
    Methylierungsmuster könnten eines Tages helfen, pSS früher zu erkennen oder seinen Verlauf zu verfolgen. Beispielsweise wurde das IFI44L-Gen – das bei pSS Methylierungsmarkierungen verlor – auch bei anderen Autoimmunerkrankungen wie Lupus identifiziert.

  2. Neue Therapieansätze
    Obwohl die Studie keine Therapien vorschlägt, hebt sie Pfade hervor, die erforscht werden könnten. Medikamente, die die Methylierung anpassen oder Interferonsignale dämpfen, werden bereits für ähnliche Erkrankungen getestet.

  3. Der Einfluss der Umwelt
    Im Gegensatz zu DNA-Mutationen kann die Methylierung durch Faktoren wie Infektionen, Stress oder Ernährung beeinflusst werden. Dies könnte erklären, warum manche Menschen pSS entwickeln, obwohl sie keine familiäre Vorgeschichte haben.


Offene Fragen

  • Henne oder Ei? Verursachen Methylierungsveränderungen pSS, oder sind sie eine Folge der Entzündung?
  • Zellspezifische Effekte Zeigen andere Immunzellen (wie T- oder B-Zellen) ähnliche Muster?
  • Einfluss des Lebensstils Könnten Ernährung, Infektionen oder Schadstoffe diese DNA-Veränderungen auslösen?

Der Weg nach vorn

Diese Studie ist eine Momentaufnahme – ein Ausgangspunkt für tiefergehende Forschungen. Größere Studien sind nötig, um die Ergebnisse zu bestätigen und zu untersuchen, wie sich die Methylierung zwischen Geschlechtern, Altersgruppen oder Krankheitsstadien unterscheidet. Wie Dr. Wen Zhang feststellt: „Jeder Hinweis bringt uns näher daran, zu verstehen, warum das Immunsystem fehlgeleitet wird – und wie man es sanft wieder auf den richtigen Weg bringt.“


Nur zu Bildungszwecken.
DOI: 10.1097/CM9.0000000000001451

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