Warum gibt es in China lange Wartezeiten für Stammzelltransplantationen?

Warum gibt es in China lange Wartezeiten für Stammzelltransplantationen?

Stammzelltransplantationen (HCT, von englisch Hematopoietic Cell Transplantation) sind eine wichtige Behandlungsmethode für Blutkrebs, bestimmte Bluterkrankungen und Immunstörungen. In China steigt die Nachfrage nach dieser Therapie seit Jahren stark an. Doch viele Patienten müssen monatelang warten, bis sie behandelt werden können. Warum ist das so? Eine landesweite Umfrage aus dem Jahr 2020 gibt erstmals Einblicke in die aktuelle Situation der Transplantationszentren und zeigt, wo die größten Herausforderungen liegen.

Wie sind die Transplantationszentren in China aufgebaut?

Die Umfrage untersuchte 83 Transplantationszentren in 23 Provinzen. Dabei zeigte sich, dass die Zentren sehr unterschiedlich ausgestattet sind. Mehr als die Hälfte (54 %) befinden sich in Großstädten, während 28 % in kleineren Städten liegen. Die meisten Zentren (74 %) sind Teil von Krankenhäusern mit über 2.000 Betten, und 92 % gehören zur höchsten Qualitätsstufe („Grade 3A“) in Chinas Krankenhausbewertungssystem.

Trotzdem haben nur 80 % der Zentren eigene Abteilungen für Stammzelltransplantationen, die von der allgemeinen Hämatologie (Blutmedizin) getrennt sind. Spezielle Abteilungen für die Nachsorge nach der Transplantation gibt es sogar nur in 30 % der Zentren. Auch unterstützende Einrichtungen wie Tageskliniken (31 %) oder spezialisierte Intensivstationen für Blutpatienten (10 %) sind selten.

Die Zentren wurden nach ihrer Transplantationsaktivität in vier Stufen eingeteilt:

  • Stufe 1: ≤25 Transplantationen pro Jahr
  • Stufe 2: 26–50
  • Stufe 3: 51–100
  • Stufe 4: >100

Die Stufe-4-Zentren, die nur 25 % aller befragten Einrichtungen ausmachen, führten im Jahr 2020 61,4 % aller Transplantationen durch. Diese großen Zentren liegen meist in Großstädten, haben mehr Betten und verfügen über eigene Transplantationsabteilungen. Dieser „Ballungseffekt“ führt dazu, dass Patienten oft in die großen Zentren strömen, was deren Dominanz weiter verstärkt.

Wie viele Transplantationen werden durchgeführt, und wie läuft die Behandlung ab?

Im Jahr 2020 führten die 83 Zentren insgesamt 6.904 Stammzelltransplantationen durch, im Durchschnitt 53 pro Zentrum. Die meisten Zentren (89 %) bieten sowohl autologe (Auto-HCT, mit eigenen Stammzellen) als auch allogene Transplantationen (Allo-HCT, mit Spenderzellen) an. Einige Zentren (5 %) führen nur Allo-HCT durch, während andere (6 %) ausschließlich Auto-HCT anbieten.

Besonders hervorzuheben ist die haploidente Transplantation (Haplo-HCT), eine in China entwickelte Methode, die das Problem des Spender*innenmangels löst. Diese Technik wird in 89 % der Allo-HCT-Zentren angeboten.

Die Wartezeiten für eine Transplantation sind jedoch lang: In 63 % der Allo-HCT-Zentren und 65 % der Auto-HCT-Zentren beträgt die Wartezeit mehr als zwei Monate. Der Hauptgrund dafür ist der Mangel an Betten. Im Durchschnitt gibt es in jedem Zentrum nur 10 Betten für Transplantationen (Spannweite: 5–17).

Nach der Transplantation werden die Patienten unterschiedlich versorgt: 55 % der Allo-HCT-Patienten kommen auf allgemeine Hämatologiestationen, während 35 % in spezialisierte Nachsorgeabteilungen verlegt werden. Bei Auto-HCT-Patienten werden 46 % direkt nach Hause entlassen. Die Nachsorge wird meist von den Transplantationsärzten übernommen (71 % bei Auto-HCT, 96 % bei Allo-HCT), obwohl 20 % der Auto-HCT-Zentren die Patienten an ihre ursprünglichen Hämatologen zurücküberweisen.

Wie sieht es mit Personal und Ressourcen aus?

Die Umfrage zeigt auch, wie es um das Personal und die Ressourcen in den Zentren bestellt ist. Insgesamt arbeiten in den 83 Zentren 993 Transplantationsärzte und 1.780 Pflegekräfte. Die Effizienz der Zentren wurde anhand der Transplantationen pro Bett und pro Arzt gemessen. Im Durchschnitt liegen diese Werte bei 5,8 bzw. 6,4.

Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den Zentren: Stufe-4-Zentren erreichen 10,2 Transplantationen pro Bett und 12,1 pro Arzt, während Stufe-1-Zentren nur auf 3,2 bzw. 4,0 kommen. Auch bei den Pflegekräften gibt es Engpässe: In Stufe-4-Zentren kommt eine Pflegekraft auf 1,2 Betten, weniger als der Durchschnitt von 1,5. Dieser Mangel kann die Qualität der Versorgung in großen Zentren beeinträchtigen.

Labor- und Forschungskapazitäten sind ebenfalls ungleich verteilt. Zwar können 98 % der Zentren wichtige Tests wie die Chimerismus-Analyse durchführen, aber nur 19 % führen die HLA-Typisierung (Gewebeverträglichkeitsprüfung) selbst durch. Datenbanken und Biobanken gibt es in 80 % bzw. 68 % der Zentren, aber Programme zur systematischen Sammlung von Biomaterialien sind selten (28 %).

Was macht große Transplantationszentren erfolgreich?

Die Umfrage identifizierte Faktoren, die große Transplantationszentren auszeichnen. Für Auto-HCT-Zentren sind Hämatologieabteilungen mit mehr als 100 Betten und eine hohe Effizienz (≥3 Auto-HCTs pro Bett) entscheidend. Bei Allo-HCT-Zentren spielen neben der Größe der Abteilung auch die Effizienz (≥5 Allo-HCTs pro Bett, ≥4 Allo-HCTs pro Arzt), die Lage in Großstädten und die Existenz von Biomaterial-Sammlungsprogrammen eine Rolle.

Welche Herausforderungen gibt es, und wie kann man sie lösen?

Die Umfrage deckt systemische Probleme auf, die den Zugang zu Stammzelltransplantationen erschweren. Bettenmangel, lange Wartezeiten und Personalknappheit sind weit verbreitet, besonders in kleineren Zentren. Anders als in westlichen Ländern, wo die Nachsorge oft dezentral erfolgt, sind in China die Transplantationszentren für die langfristige Betreuung verantwortlich. Dies belastet die ohnehin knappen Ressourcen zusätzlich.

Vergleiche mit internationalen Daten zeigen, dass chinesische Zentren bei der Effizienz pro Bett (5,8) ähnlich gut abschneiden wie US-Zentren (4,5). Allerdings gibt es Verbesserungspotenzial bei der Arbeitsorganisation. Die starke Verbreitung von Haplo-HCT in China (89 % der Allo-HCT-Zentren) hebt sich von globalen Trends ab und zeigt, dass Investitionen in alternative Spenderprotokolle weiterhin nötig sind.

Fazit

Die Umfrage bietet einen umfassenden Überblick über die Stammzelltransplantation in China und zeigt, wo die größten Herausforderungen liegen. Große Zentren in Städten führen die meisten Transplantationen durch, doch systemische Engpässe wie Bettenmangel, Personalknappheit und fragmentierte Versorgungswege behindern die Weiterentwicklung. Um die wachsende Nachfrage zu decken, müssen spezialisierte Infrastrukturen ausgebaut, die Ausbildung verbessert und regionale Netzwerke geschaffen werden. Nur so kann China sicherstellen, dass alle Patienten Zugang zu dieser lebensrettenden Therapie erhalten.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000002984
For educational purposes only.

Schreibe einen Kommentar 0

Your email address will not be published. Required fields are marked *