Warum erkennen Menschen mit Alzheimer und leichter Gedächtnisstörung Angst in der Musik nicht?
Einleitung
Haben Sie sich jemals gefragt, wie Musik unsere Gefühle beeinflusst? Musik kann Freude, Frieden, Traurigkeit und sogar Angst ausdrücken. Aber was passiert, wenn das Gehirn diese Emotionen nicht mehr richtig verarbeiten kann? Menschen mit Alzheimer-Krankheit (AD) und leichter Gedächtnisstörung (aMCI) haben oft Schwierigkeiten, Gefühle zu erkennen, besonders negative wie Angst oder Traurigkeit. Doch wie sieht es mit der Erkennung von Emotionen in der Musik aus? Diese Studie untersucht, ob Patienten mit AD und aMCI Emotionen in der Musik noch erkennen können und wie dies mit ihrer geistigen Leistungsfähigkeit zusammenhängt.
Hintergrund und Bedeutung
Musik ist ein universelles Medium, das starke emotionale Reaktionen hervorrufen kann. Studien haben gezeigt, dass Musik Angst reduzieren und das Verhalten von Menschen mit Demenz verbessern kann. Bei der Erkennung von Gesichts- und Stimmemotionen haben Patienten mit AD und aMCI oft Schwierigkeiten, negative Emotionen zu verarbeiten. Positive Emotionen wie Freude bleiben jedoch oft erhalten. Die Ergebnisse zur Erkennung von Emotionen durch Tonfall (Prosodie) sind jedoch uneinheitlich. Einige Studien zeigen, dass Patienten mit AD Schwierigkeiten haben, Emotionen aus dem Tonfall zu erkennen, während andere keine signifikanten Beeinträchtigungen feststellen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit weiterer Forschung zur Erkennung von Emotionen in der Musik, die eine reinere Messung der emotionalen Verarbeitung ohne den Einfluss von Wörtern ermöglichen könnte.
Die Erkennung von Emotionen in der Musik beinhaltet ein Netzwerk von Gehirnregionen, darunter die Amygdala (Mandelkern), den Hippocampus (Seepferdchen), den orbitofrontalen und temporalen Kortex (Stirn- und Schläfenlappen) und den vorderen cingulären Kortex (vordere Gürtelwindung). Diese Regionen sind entscheidend für die emotionale Verarbeitung und sind bei AD oft geschädigt. Interessanterweise scheint das musikalische Gedächtnis bei AD erhalten zu bleiben, was darauf hindeutet, dass die Erkennung von Emotionen in der Musik vom musikalischen Gedächtnis getrennt sein könnte. Diese Studie ging davon aus, dass Patienten mit AD und aMCI Schwierigkeiten haben würden, Emotionen in der Musik zu erkennen, insbesondere negative Emotionen wie Angst, und dass diese Beeinträchtigung mit dem geistigen Abbau zusammenhängt.
Methoden
Die Studie rekrutierte 16 Patienten mit AD, 19 Patienten mit aMCI und 16 gesunde Kontrollpersonen (HCs) aus dem Ersten Affiliierten Krankenhaus der Anhui Medical University zwischen März 2015 und Januar 2017. Alle Teilnehmer unterzogen sich standardisierten neuropsychologischen Tests, einschließlich des Mini-Mental-Status-Tests (MMSE), um die allgemeine geistige Leistungsfähigkeit zu bewerten. Patienten mit aMCI wurden nach den Kriterien von Petersen diagnostiziert, während die AD-Diagnosen den Kriterien des National Institute of Neurological and Communicative Disorders and Stroke und der Alzheimer’s Disease and Related Disorders Association (NINCDS-ADRDA) folgten. Ausschlusskriterien waren Hör- oder Sehstörungen, Unfähigkeit, die Aufgabenanweisungen zu verstehen, und signifikante neurologische oder systemische Erkrankungen.
Der Test zur Erkennung von Emotionen in der Musik umfasste 40 instrumentale Musikausschnitte, die Freude, Frieden, Traurigkeit und Angst ausdrücken sollten. Die Teilnehmer mussten jeden Ausschnitt einem der vier emotionalen Begriffe zuordnen. Das primäre Maß war die Genauigkeit der Identifizierung jeder Emotion. Die statistischen Analysen umfassten eine einfaktorielle ANOVA, um die Erkennungsscores zwischen den drei Gruppen zu vergleichen, eine MANOVA, um Gruppenunterschiede innerhalb jeder Emotionenkategorie zu untersuchen, und eine Pearson-Korrelationsanalyse, um die Beziehung zwischen MMSE-Scores und der Erkennung von Emotionen in der Musik zu untersuchen.
Ergebnisse
Die demografischen und neuropsychologischen Merkmale der Teilnehmer zeigten keine signifikanten Unterschiede in Alter, Geschlecht oder Bildungsniveau zwischen den drei Gruppen. Die MMSE-Scores waren jedoch in den AD- und aMCI-Gruppen signifikant niedriger als in der HC-Gruppe, was auf einen geistigen Abbau in den Patientengruppen hinweist.
Die Ergebnisse zeigten eine signifikante Beeinträchtigung bei der Erkennung von ängstlichen Emotionen in der Musik in den AD- und aMCI-Gruppen im Vergleich zur HC-Gruppe. Die mittleren Erkennungsscores für ängstliche Emotionen betrugen 7,88 ± 1,36 für HCs, 5,05 ± 2,34 für aMCI-Patienten und 3,69 ± 2,02 für AD-Patienten. Eine einfaktorielle ANOVA bestätigte einen signifikanten Haupteffekt der Gruppe (F(2,50) = 18,70, P < 0,001). Die Post-hoc-Analyse zeigte, dass beide Patientengruppen schlechter abschnitten als die HCs bei der Erkennung von ängstlichen Emotionen, ohne signifikanten Unterschied zwischen den AD- und aMCI-Gruppen. Im Gegensatz dazu gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den drei Gruppen bei der Erkennung von freudigen, friedlichen oder traurigen Emotionen in der Musik.
Die MANOVA unterstützte diese Befunde weiter, indem sie einen signifikanten Gesamtgruppenunterschied (Hotelling’s Trace; F(9,90) = 2,857, P < 0,001) und signifikante Gruppenunterschiede bei der Erkennung von ängstlichen Emotionen zeigte (F(2,48) = 18,703, P < 0,001). Für die anderen Emotionen wurden keine signifikanten Gruppenunterschiede festgestellt.
Die Korrelationsanalyse zeigte eine signifikante positive Beziehung zwischen MMSE-Scores und der Erkennung von ängstlichen Emotionen in der Musik bei Patienten mit AD und aMCI (r = 0,578, P < 0,001). Dies deutet darauf hin, dass die geistige Leistungsfähigkeit eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung von ängstlichen Emotionen spielt. Es wurden jedoch keine signifikanten Korrelationen zwischen MMSE-Scores und der Erkennung von freudigen, friedlichen oder traurigen Emotionen gefunden.
Diskussion
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass Patienten mit AD und aMCI selektive Schwierigkeiten bei der Erkennung von ängstlichen Emotionen in der Musik haben, während ihre Fähigkeit, freudige, friedliche und traurige Emotionen zu erkennen, relativ erhalten bleibt. Diese selektive Beeinträchtigung stimmt mit früheren Untersuchungen zur Erkennung von Gesichts- und Stimmemotionen in diesen Patientengruppen überein, die ebenfalls Schwierigkeiten bei der Verarbeitung negativer Emotionen berichteten. Die Amygdala, eine Schlüsselstruktur für die Verarbeitung von Angst, ist bei AD oft geschädigt, was die beobachteten Defizite bei der Erkennung von ängstlichen Emotionen in der Musik erklären könnte.
Die Erhaltung der Erkennung von freudigen Emotionen bei Patienten mit AD und aMCI könnte auf die Beteiligung anderer neuraler Substrate wie des Basalganglions und des ventralen Striatums zurückzuführen sein, die mit positiven Emotionen assoziiert sind. Darüber hinaus könnte die strukturelle Variabilität von ängstlichen Stimuli, die oft Dissonanz und Unregelmäßigkeiten beinhalten, deren Erkennung erschweren.
Die positive Korrelation zwischen MMSE-Scores und der Erkennung von ängstlichen Emotionen deutet darauf hin, dass der geistige Abbau zur Beeinträchtigung bei der Verarbeitung negativer Emotionen beiträgt. Dieser Befund unterstreicht die Bedeutung der Erhaltung der geistigen Leistungsfähigkeit für die emotionale Verarbeitung bei neurodegenerativen Erkrankungen.
Schlussfolgerung
Zusammenfassend liefert diese Studie Hinweise auf eine selektive Beeinträchtigung bei der Erkennung von ängstlichen Emotionen in der Musik bei Patienten mit AD und aMCI, während die Erkennung anderer Emotionen erhalten bleibt. Diese Beeinträchtigung hängt wahrscheinlich mit der Degeneration der Amygdala und anderer kritischer neuraler Strukturen zusammen, die an der Verarbeitung negativer Emotionen beteiligt sind. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Berücksichtigung der emotionalen Verarbeitung bei der Diagnose und Behandlung von neurodegenerativen Erkrankungen und legen nahe, dass Tests zur Erkennung von Emotionen in der Musik ein wertvolles Instrument zur Bewertung emotionaler Defizite bei diesen Patienten sein könnten.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000460
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