Sepsis und septischer Schock: Wie kann man die Infektion erfolgreich bekämpfen?
Sepsis und septischer Schock sind lebensbedrohliche Zustände, die durch eine übermäßige Reaktion des Körpers auf eine Infektion entstehen. Diese Reaktion kann zu schweren Schäden an Geweben und Organen führen. Die erfolgreiche Bekämpfung der Infektion ist ein entscheidender Schritt in der Behandlung. Doch wie kann man sicherstellen, dass die Therapie optimal verläuft? Dieser Artikel stellt die „6R-Regel“ vor, ein Rahmenwerk, das dabei helfen soll, die Behandlung von Sepsis und septischem Schock zu standardisieren und zu verbessern. Die Regel umfasst: die richtigen Patienten, den richtigen Zeitpunkt, das richtige Ziel, die richtigen Antibiotika, die richtige Dosis und die richtige Kontrolle der Infektionsquelle.
Die richtigen Patienten: Schnelle Erkennung und frühe Diagnose
Der erste Schritt bei der Behandlung von Sepsis ist die Identifizierung der richtigen Patienten – also derjenigen, die tatsächlich an Sepsis oder septischem Schock leiden. Eine frühe Diagnose ist entscheidend, denn die Symptome von Sepsis können unspezifisch sein und mit anderen Krankheiten überlappen. Eine schnelle und gezielte Behandlung verbessert die Überlebenschancen deutlich.
Die Diagnose einer Infektion erfordert eine Kombination aus Krankengeschichte, körperlicher Untersuchung, bildgebenden Verfahren und Laborergebnissen. Schnelle Labormethoden wie Biomarker (körpereigene Stoffe, die auf eine Infektion hinweisen), Gen-Sequenzierung (Bestimmung der Erbinformation) und bildgebende Verfahren können bei der frühen Diagnose helfen.
Die internationalen Leitlinien (Sepsis-3) definieren Sepsis als eine „lebensbedrohliche Organdysfunktion, die durch eine übermäßige Reaktion des Körpers auf eine Infektion verursacht wird“. Septischer Schock ist eine schwerere Form der Sepsis, bei der zusätzlich schwere Kreislauf-, Zell- und Stoffwechselstörungen auftreten, die das Sterberisiko deutlich erhöhen. Zur Beurteilung der Schwere der Organschäden wird der SOFA-Score (Sequential Organ Failure Assessment) verwendet. Für eine schnelle Einschätzung am Krankenbett kann der qSOFA-Score genutzt werden, der Faktoren wie Bewusstseinsstörungen, niedrigen Blutdruck oder eine erhöhte Atemfrequenz berücksichtigt.
Krankenhäuser sollten Screening-Programme für akut erkrankte Patienten mit hohem Risiko einführen, um Infektionen und neue Organschäden frühzeitig zu erkennen. Solche Programme haben in mehreren Studien zu einer Verringerung der Sterblichkeit geführt.
Der richtige Zeitpunkt: Antibiotika-Therapie – Zeit ist Leben
Der Zeitpunkt der Antibiotika-Gabe ist entscheidend bei der Behandlung von Sepsis. Jede Stunde Verzögerung bei der Einleitung einer wirksamen Antibiotika-Therapie erhöht das Sterberisiko deutlich. Die Leitlinien der Surviving Sepsis Campaign (SSC) aus dem Jahr 2018 empfehlen, Antibiotika innerhalb einer Stunde nach der Erkennung der Sepsis zu verabreichen. Es gibt jedoch eine Debatte darüber, wie man den richtigen Zeitpunkt zwischen schneller Behandlung und genauer Diagnose findet.
Die Infectious Diseases Society of America (IDSA) betont die Bedeutung einer genauen Diagnose, bevor Antibiotika gegeben werden. Gleichzeitig kann eine verzögerte Behandlung das Sterberisiko erhöhen. Schnelle Diagnoseverfahren wie die Messung von Procalcitonin (ein Biomarker für Infektionen), Tests auf (1,3)-beta-D-Glucan oder Galactomannan (Pilzinfektionen) sowie PCR-Verfahren (Polymerase-Kettenreaktion zur Erkennung von Erregern) können die Diagnose beschleunigen. Fortschritte in der Genetik haben die Geschwindigkeit und Genauigkeit der Erregererkennung weiter verbessert.
Das richtige Ziel: Die Infektionsquelle und der Erreger müssen identifiziert werden
Die korrekte Identifizierung der Infektionsquelle und des Erregers ist entscheidend für eine erfolgreiche Therapie. Die Kontrolle der Infektionsquelle, z. B. durch chirurgische Drainage (Ableitung von Eiter oder Flüssigkeit), hat Vorrang vor der Gabe von Antibiotika. Die Art der Erreger hängt von der Infektionsquelle ab, und verschiedene Antibiotika wirken in unterschiedlichen Geweben.
Blutkulturen sollten vor Beginn der Antibiotika-Therapie entnommen werden, und Proben aus den vermuteten Infektionsherden sollten zur mikrobiologischen Untersuchung geschickt werden. Verfahren wie Bronchoskopie (Untersuchung der Lunge) oder Punktion (Entnahme von Flüssigkeit aus Abszessen) können die Kontamination reduzieren und die Erregererkennung verbessern. Es ist wichtig, zwischen einer Besiedelung (Bakterien, die den Körper besiedeln, aber keine Infektion verursachen) und einer Infektion zu unterscheiden, da nicht alle nachgewiesenen Bakterien mit Antibiotika behandelt werden müssen.
Die richtigen Antibiotika: Gezielte Auswahl der Medikamente
Die Auswahl der passenden Antibiotika ist ein zentraler Aspekt der Sepsis-Behandlung. Die SSC-Leitlinien empfehlen die Gabe von Breitbandantibiotika, die gegen ein breites Spektrum von Erregern wirken. Die initiale Therapie sollte empirisch (aufgrund von Erfahrungswerten) beginnen, aber sobald der Erreger identifiziert ist, sollte auf eine gezielte Therapie umgestellt werden.
Die Auswahl der Antibiotika sollte auf einer wissenschaftlichen Analyse der klinischen Daten basieren, einschließlich Alter, Infektionsort, Symptome, Vitalzeichen, Immunstatus, bisherige Antibiotika-Einnahme und lokale epidemiologische Daten. Bei schwer kranken Patienten mit Krankenhausinfektionen sind die stärksten Antibiotika, wie Carbapeneme, nicht immer wirksam. Daher sollte die Auswahl der Antibiotika auf einer umfassenden Beurteilung des Zustands des Patienten basieren.
Die richtige Dosis: Optimierung der Antibiotika-Dosierung
Die Dosierung der Antibiotika sollte an die individuellen Bedürfnisse des Patienten angepasst werden. Bei Sepsis und septischem Schock können Veränderungen im Körper, wie schlechte Durchblutung, Flüssigkeitsverschiebungen, niedrige Eiweißwerte und Organschäden, die Konzentration der Antibiotika beeinflussen. Verschiedene Antibiotika haben unterschiedliche Eigenschaften, z. B. zeitabhängige oder konzentrationsabhängige Wirkungen.
Das therapeutische Drug Monitoring (TDM, Überwachung der Medikamentenkonzentration im Blut) kann helfen, die richtige Dosierung zu finden und Nebenwirkungen zu vermeiden. Die TDM-gestützte Antibiotika-Therapie wird zunehmend bei schwer kranken Patienten eingesetzt, wie in den SSC-Leitlinien empfohlen.
Die richtige Kontrolle der Infektionsquelle: Die Quelle der Infektion muss gestoppt werden
Die Kontrolle der Infektionsquelle, z. B. durch chirurgische Drainage oder Punktion, ist entscheidend bei der Behandlung von Sepsis. In Fällen wie intraabdominalen Abszessen (Eiteransammlungen im Bauchraum), Darmdurchbrüchen, akuter eitriger Cholangitis (Entzündung der Gallenwege), Nierenabszessen, Darminfarkten, Empyemen (Eiteransammlungen in Körperhöhlen) oder septischer Arthritis (Gelenkentzündung) ist die sofortige Kontrolle der Infektionsquelle wichtiger als die Gabe von Antibiotika.
Die SSC-Leitlinien empfehlen, die Infektionsquelle innerhalb von 12 Stunden nach der Diagnose zu kontrollieren. Eine verzögerte Operation kann das Risiko erhöhen und mit fortschreitendem septischen Schock unmöglich werden. Eine ausreichende Drainage der Infektionsquelle ist entscheidend, um die Infektion zu kontrollieren und die Bildung von resistenten Bakterien zu verhindern.
Zusammenfassung
Die Bekämpfung der Infektion ist ein zentraler Bestandteil der erfolgreichen Behandlung von Sepsis. Die 6R-Regel bietet einen umfassenden Rahmen für die Behandlung von Sepsis und septischem Schock. Sie umfasst die richtige Entscheidung über den Zeitpunkt der Behandlung, die Identifizierung des Erregers, die Auswahl der passenden Antibiotika, die optimale Dosierung und die Kontrolle der Infektionsquelle. Dieses Regelwerk soll die Behandlung von Sepsis standardisieren und verbessern, um die Überlebenschancen der Patienten zu erhöhen.
For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000101