Seltene Doppeldiagnose: Querschnittsmyelitis und Guillain-Barré-Syndrom nach Windpocken-Infektion
Was passiert, wenn eine Virusinfektion nicht nur eine, sondern gleich zwei schwerwiegende neurologische Erkrankungen auslöst? Ein Fallbericht zeigt, wie eine Windpocken-Infektion (Varizella-Zoster-Virus, VZV) bei einem gesunden Erwachsenen sowohl eine Querschnittsmyelitis (TM) als auch ein Guillain-Barré-Syndrom (GBS) verursachte. Solche Fälle sind extrem selten, aber sie werfen wichtige Fragen zur Diagnose und Behandlung auf.
Einleitung
Windpocken sind eine häufige Kinderkrankheit, die durch das Varizella-Zoster-Virus (VZV) verursacht wird. Bei Erwachsenen kann das Virus jedoch schwerwiegende Komplikationen auslösen, insbesondere im Nervensystem. Dazu gehören Entzündungen des Gehirns (Enzephalitis), Rückenmarksschäden (Myelopathie) oder Nervenschäden (Neuropathie). Besonders selten ist das gleichzeitige Auftreten von Querschnittsmyelitis (TM) und Guillain-Barré-Syndrom (GBS) nach einer VZV-Infektion. Dieser Fallbericht beschreibt die Symptome, Diagnose und Behandlung eines 58-jährigen Mannes, der beide Erkrankungen entwickelte.
Fallbeschreibung
Der Patient, ein 58-jähriger Mann, klagte über Nackenschmerzen, Taubheitsgefühle und zunehmende Schwäche in Armen und Beinen. Innerhalb von vier Wochen verschlechterte sich sein Zustand so stark, dass er nicht mehr sitzen oder stehen konnte. Eine körperliche Untersuchung zeigte Muskelschwäche, fehlende Reflexe und Sensibilitätsstörungen unterhalb des Halswirbels C4. Zudem litt er unter Harnverhalt und Stuhlinkontinenz. Ein Monat vor diesen Symptomen hatte er einen Hautausschlag (Herpes zoster) am rechten Arm, der nicht behandelt wurde.
Diagnostische Befunde
Blut- und Nervenwasseruntersuchungen (Liquor) wurden durchgeführt, um die Ursache der Symptome zu klären. Tests auf bestimmte Antikörper (Anti-Ganglioside, AQP4, MOG, MBP) waren negativ. Das Nervenwasser zeigte eine erhöhte Eiweißkonzentration (92,6 mg/dL), aber keine Entzündungszellen. Antikörper gegen VZV wurden sowohl im Blut als auch im Nervenwasser nachgewiesen, und eine PCR-Untersuchung bestätigte die Anwesenheit von VZV-DNA.
Eine Magnetresonanztomographie (MRT) der Wirbelsäule zeigte entzündliche Veränderungen im Rückenmark zwischen den Halswirbeln C3 und T2. Nervenleitungsstudien ergaben eine stark verminderte Nervenleitgeschwindigkeit und fehlende Muskelantworten in mehreren Nerven.
Behandlung und Verlauf
Der Patient erhielt eine antivirale Therapie mit Aciclovir (500 mg alle 8 Stunden für 7 Tage), Immunglobuline (0,4 g/kg/Tag für 5 Tage) und Kortison (Methylprednisolon, 500 mg/Tag für 6 Tage). Nach einem Monat verbesserte sich seine Muskelkraft leicht, aber die Sensibilitätsstörungen blieben bestehen. Nach sechs Monaten gab es nur minimale Fortschritte, und nach einem Jahr konnte der Patient noch nicht selbstständig gehen.
Diskussion
Die genaue Ursache neurologischer Komplikationen nach einer VZV-Infektion ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass das Virus direkt in das Rückenmark und die Nervenwurzeln eindringt und so Entzündungen verursacht. In diesem Fall unterstützen die nachgewiesenen VZV-Antikörper und die DNA im Nervenwasser diese Theorie. Obwohl keine spezifischen Antikörper gefunden wurden, spielt wahrscheinlich eine Autoimmunreaktion nach der Infektion eine Rolle.
Die Behandlung von VZV-bedingten neurologischen Erkrankungen ist schwierig, da es keine standardisierten Therapieprotokolle gibt. Eine frühzeitige antivirale Therapie ist jedoch entscheidend. In diesem Fall erhielt der Patient eine Kombination aus Aciclovir, Immunglobulinen und Kortison, die bei TM und GBS einzeln wirksam sind. Trotzdem blieben erhebliche neurologische Defizite bestehen. Die verzögerte Behandlung, die erst vier Wochen nach Symptombeginn begann, könnte den schlechten Verlauf erklärt haben.
Fazit
Dieser Fallbericht zeigt, wie selten und komplex die gleichzeitige Diagnose von Querschnittsmyelitis und Guillain-Barré-Syndrom nach einer Windpocken-Infektion ist. Die Diagnose wurde durch klinische Befunde, MRT, Nervenleitungsstudien und den Nachweis von VZV im Nervenwasser bestätigt. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um die Prognose zu verbessern. Dennoch können, wie in diesem Fall, langfristige neurologische Schäden bestehen bleiben. Weitere Forschung ist nötig, um bessere Therapien für VZV-bedingte neurologische Komplikationen zu entwickeln.
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doi.org/10.1097/CM9.0000000000002662