Nicht-invasive Pränataltests: Zuverlässigkeit und Entscheidungen bei Chromosomenstörungen

Nicht-invasive Pränataltests: Wie zuverlässig sind sie bei Chromosomenstörungen und welche Entscheidungen treffen Eltern?

Chromosomenstörungen, bei denen die Anzahl der Geschlechtschromosomen (X oder Y) abnormal ist, kommen bei etwa 1 von 435 Schwangerschaften vor. Diese Störungen, wie das Turner-Syndrom (45,X), das Klinefelter-Syndrom (47,XXY) oder andere seltene Formen, können unterschiedliche Auswirkungen haben. Manche Betroffene zeigen kaum Symptome, andere haben Entwicklungsverzögerungen oder Unfruchtbarkeit. Früher wurden diese Störungen erst nach der Geburt festgestellt. Heute ermöglichen nicht-invasive Pränataltests (NIPT) eine frühere Diagnose. Doch wie zuverlässig sind diese Tests? Und welche Entscheidungen treffen Eltern nach einem positiven Ergebnis?

Wie wurde die Studie durchgeführt?

In dieser Studie wurden die Daten von 20.637 Schwangerschaften analysiert, die zwischen Januar und Dezember 2017 in einem Zentrum einen NIPT durchgeführt hatten. Nach dem Ausschluss von Fällen mit nicht auswertbaren Ergebnissen blieben 20.601 Schwangerschaften übrig. Diese wurden in sechs Gruppen eingeteilt:

  • Frauen über 35 Jahre (24,81%)
  • Frauen mit einem hohen Risiko aufgrund von Bluttests (7,42%)
  • Frauen mit einem mittleren Risiko (13,74%)
  • Frauen mit Auffälligkeiten im Ultraschall (8,42%)
  • Frauen nach einer künstlichen Befruchtung (4,37%)
  • Frauen ohne besonderes Risiko, die freiwillig einen NIPT machen wollten (37,27%)

Der NIPT wurde mit der BGISEQ-500-Plattform durchgeführt, die das Erbgut des Kindes im Blut der Mutter analysiert. Positive Ergebnisse wurden durch invasive Tests wie eine Fruchtwasseruntersuchung bestätigt.

Wie zuverlässig waren die Ergebnisse?

Von den 20.601 Fällen zeigten 64 (0,31%) ein positives Ergebnis für eine Geschlechtschromosomenstörung. Die Verteilung der Verdachtsfälle war wie folgt:

  • 25 Fälle von Turner-Syndrom (45,X)
  • 15 Fälle von Triple-X-Syndrom (47,XXX)
  • 16 Fälle von Klinefelter-Syndrom (47,XXY)
  • 8 Fälle von XYY-Syndrom (47,XYY)

Von diesen 64 Fällen ließen 44 Frauen (68,75%) einen invasiven Test durchführen. Dabei wurden 24 echte positive Fälle und 20 falsch positive Fälle festgestellt. Die Gesamtgenauigkeit (PPV) betrug 54,55%. Allerdings gab es große Unterschiede zwischen den verschiedenen Störungen:

  • Turner-Syndrom (45,X): Nur 23,53% der Verdachtsfälle wurden bestätigt.
  • Triple-X-Syndrom (47,XXX): 70,00% der Fälle waren echt.
  • Klinefelter-Syndrom (47,XXY): 75,00% der Fälle waren echt.
  • XYY-Syndrom (47,XYY): 80,00% der Fälle waren echt.

Besonders auffällig war die hohe Zahl falsch positiver Ergebnisse beim Turner-Syndrom. Dies könnte daran liegen, dass die Plazenta manchmal anders ist als das Kind oder dass technische Schwierigkeiten bei der Analyse bestehen.

Wie unterschied sich die Genauigkeit in den Risikogruppen?

Die Genauigkeit der Tests variierte je nach Risikogruppe der Mutter:

  • Frauen über 35 Jahre: 85,71% der Verdachtsfälle wurden bestätigt.
  • Hohes Risiko durch Bluttests: 75,00% der Fälle waren echt.
  • Auffälligkeiten im Ultraschall: 40,00% der Fälle wurden bestätigt.
  • Freiwillige NIPT (kein besonderes Risiko): 50,00% der Fälle waren echt.

In der Gruppe mit mittlerem Risiko gab es keine positiven Ergebnisse, was darauf hindeutet, dass der Test in dieser Gruppe weniger nützlich ist.

Welche Entscheidungen trafen die Eltern?

Nach einer genetischen Beratung standen 24 Elternpaare vor der Entscheidung, wie sie mit dem Ergebnis umgehen sollten:

  • Schwangerschaft fortsetzen: 7 Paare (29,17%) entschieden sich dafür, vor allem bei Triple-X- oder XYY-Syndrom.
  • Schwangerschaft abbrechen: 13 Paare (54,17%) wählten diesen Weg, insbesondere beim Turner-Syndrom und Klinefelter-Syndrom.
  • Keine weitere Überwachung: 4 Paare (16,67%) zogen sich zurück.

Von den 20 Frauen, die keinen invasiven Test durchführen ließen, brachten 16 gesunde Kinder zur Welt. Eine Schwangerschaft endete mit einer Fehlgeburt, und drei Fälle wurden nicht weiter verfolgt.

Was bedeutet das für die Praxis?

Die Studie zeigt, dass NIPT eine moderate Genauigkeit bei der Erkennung von Geschlechtschromosomenstörungen hat. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den verschiedenen Störungen. Besonders beim Turner-Syndrom ist die Zahl falsch positiver Ergebnisse hoch. Dies wirft Fragen zur Zuverlässigkeit und zum Umgang mit den Ergebnissen auf.

Ethische Diskussionen drehen sich darum, ob man Eltern über alle möglichen Störungen informieren sollte. Einige Störungen, wie das XYY-Syndrom, haben oft kaum Auswirkungen. Andere, wie das Turner-Syndrom oder das Klinefelter-Syndrom, können medizinische Probleme verursachen, die früh behandelt werden müssen. Die hohe Abbruchrate bei diesen Störungen spiegelt die Ängste der Eltern wider, die oft durch die Beratung und kulturelle Normen beeinflusst werden.

Was sind die Grenzen der Studie?

Die Studie hat einige Einschränkungen. Da sie rückblickend durchgeführt wurde, konnten nicht alle Fälle nach der Geburt überprüft werden. Außerdem war die Abbruchrate in dieser Studie höher als in früheren Berichten, was auf regionale Unterschiede oder Beratungsmethoden zurückzuführen sein könnte. Langzeitdaten zu Kindern mit pränatal diagnostizierten Störungen fehlen noch, um die langfristigen Auswirkungen besser zu verstehen.

Fazit

NIPT bietet eine Möglichkeit, Geschlechtschromosomenstörungen frühzeitig zu erkennen. Allerdings ist die Genauigkeit nicht bei allen Störungen gleich hoch. Die Entscheidung, wie mit einem positiven Ergebnis umgegangen wird, ist komplex und erfordert eine sorgfältige Beratung. Eltern brauchen Unterstützung, um die beste Entscheidung für ihre Familie zu treffen.

For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000868

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