Neue genetische Entdeckung bei seltenem Entwicklungsstörungssyndrom: Was bedeutet das für Betroffene?
Warum entwickelt sich ein Kind langsamer als andere? Warum leidet es unter Krampfanfällen und Hörverlust? Diese Fragen beschäftigen viele Eltern, deren Kinder von seltenen genetischen Störungen betroffen sind. Eine neue Studie hat jetzt zwei bisher unbekannte genetische Veränderungen entdeckt, die mit einer seltenen Entwicklungsstörung, der sogenannten Autosomal Rezessiven Geistigen Behinderung-52 (MRT52), in Verbindung stehen. Diese Entdeckung könnte helfen, die Diagnose und das Verständnis dieser Erkrankung zu verbessern.
Was ist MRT52?
MRT52 ist eine seltene genetische Erkrankung, die erstmals im Jahr 2016 beschrieben wurde. Betroffene Kinder zeigen eine verzögerte Entwicklung, schwere geistige Behinderungen, Sprachstörungen und Krampfanfälle. Oft gibt es keine äußerlichen Anzeichen wie ungewöhnliche Gesichtszüge. Die Erkrankung wird durch Veränderungen im LMAN2L-Gen verursacht. Dieses Gen enthält die Bauanleitung für ein Protein, das im Endoplasmatischen Retikulum (ER) – einer wichtigen Zellstruktur – vorkommt. Das Protein spielt vermutlich eine Rolle beim Transport von Zuckermolekülen in der Zelle, aber seine genaue Funktion ist noch nicht vollständig verstanden.
Die Studie: Ein neuer Fall in China
In dieser Studie wurde ein 3-jähriges Mädchen aus China untersucht, das unter Wachstumsverzögerungen, Epilepsie und Hörverlust litt. Das Mädchen zeigte keine äußerlichen Auffälligkeiten, aber seine Größe, Gewicht und Kopfumfang lagen im unteren Bereich der Norm. Es hatte Schwierigkeiten, zu sitzen, zu stehen, zu laufen und zu sprechen. Außerdem waren die Muskeln schwach, und es gab stereotype Bewegungen, selbstverletzendes Verhalten und Probleme im sozialen Umgang. Die Eltern des Mädchens waren gesund und nicht verwandt, und es gab keine familiäre Vorgeschichte von genetischen Erkrankungen.
Die Studie wurde von der Ethikkommission des West China Second University Hospital der Sichuan University genehmigt, und die Eltern gaben ihre schriftliche Zustimmung. Die Mutter suchte genetische Beratung, um eine klare Diagnose zu erhalten und eine gezielte vorgeburtliche Diagnostik für zukünftige Schwangerschaften zu ermöglichen.
Genetische Untersuchungen: Was wurde gefunden?
Das Mädchen wurde per Kaiserschnitt in der 40. Schwangerschaftswoche geboren, mit einem Geburtsgewicht von 3050 Gramm und einer Länge von 49 cm. Bei der Geburt gab es keine Komplikationen, aber ein Hörtest zeigte eine beidseitige Hörstörung. Mit 2 Monaten traten die ersten Krampfanfälle auf, die sich durch Steifheit und starre Augen äußerten und etwa 10 Sekunden dauerten. Eine Untersuchung der Hirnströme (EEG) zeigte Auffälligkeiten im rechten Hinterkopf- und Schläfenbereich. Trotz Behandlung mit Medikamenten traten die Anfälle weiterhin auf.
Eine genetische Untersuchung des gesamten Erbguts (Whole Exome Sequencing) wurde bei dem Mädchen und ihren Eltern durchgeführt. Dabei wurden zwei neue Veränderungen im LMAN2L-Gen gefunden. Die erste Veränderung, c.902del, führt zu einem vorzeitigen Stoppsignal im Bauplan des Proteins. Die zweite Veränderung, c.256C > T, verändert eine wichtige Aminosäure im Protein. Beide Veränderungen wurden durch eine genauere Methode (Sanger-Sequenzierung) bestätigt. Das Mädchen hatte die c.902del-Veränderung vom Vater und die c.256C > T-Veränderung von der Mutter geerbt.
Was bedeuten diese Veränderungen?
Das LMAN2L-Protein besteht aus mehreren Teilen: einem Signalpeptid am Anfang, einem Bereich, der Zucker erkennen kann (Lektin-Domäne), einem Bereich, der in der Zellmembran verankert ist (Transmembrandomäne), und einem Signal am Ende, das das Protein zurück ins ER bringt. Die c.902del-Veränderung liegt in der Transmembrandomäne und führt zu einem verkürzten Protein, dem das Rückholsignal fehlt. Die c.256C > T-Veränderung liegt in der Lektin-Domäne und könnte die Fähigkeit des Proteins, Zucker zu binden, beeinträchtigen.
Nach den Kriterien des American College of Medical Genetics and Genomics (ACMG) wurde die c.902del-Veränderung als krankheitsverursachend und die c.256C > T-Veränderung als wahrscheinlich krankheitsverursachend eingestuft. Bisher wurden weltweit nur zwei Familien mit Veränderungen im LMAN2L-Gen beschrieben. Die erste Familie hatte eine Veränderung, die zu einer anderen Aminosäure im Protein führte (p.R53Q). Die zweite Familie hatte eine Veränderung, die das Protein verkürzte (p.F358Sfs*16).
Was ist neu an diesem Fall?
Das Mädchen in dieser Studie zeigte typische Symptome von MRT52, wie Entwicklungsverzögerungen, geistige Behinderungen, Sprachstörungen und Krampfanfälle. Neu war jedoch das Auftreten von Hörverlust und schwachen Muskeln (Hypotonie). Dies erweitert das bekannte Spektrum der Erkrankung und zeigt, dass MRT52 unterschiedliche Symptome verursachen kann.
Warum ist diese Entdeckung wichtig?
Diese Studie zeigt, wie wichtig genetische Untersuchungen bei der Diagnose seltener Entwicklungsstörungen sind. Sie hilft, die genetischen Ursachen von MRT52 besser zu verstehen und kann Familien bei der Planung zukünftiger Schwangerschaften unterstützen. Weitere Forschungen sind nötig, um die genauen Mechanismen zu klären, durch die diese Veränderungen die Erkrankung verursachen.
Zusammenfassung
Diese Studie beschreibt zwei neue genetische Veränderungen im LMAN2L-Gen bei einem Mädchen mit MRT52. Die Ergebnisse erweitern das bekannte Spektrum der Erkrankung und unterstreichen die Bedeutung genetischer Tests bei der Diagnose seltener Entwicklungsstörungen. Weitere Studien sind notwendig, um die genauen Auswirkungen dieser Veränderungen zu verstehen.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002285
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