Neue Bezeichnungen für kognitive Störungen nach Operationen: Was bedeutet das für Patienten und Ärzte?
Haben Sie oder ein Angehöriger nach einer Operation Probleme mit dem Gedächtnis oder der Konzentration gehabt? Diese Erfahrung ist häufiger, als man denkt. Doch bis vor kurzem gab es keine einheitliche Sprache, um diese Probleme zu beschreiben. Nun wurde ein neues System eingeführt: peri-operative neurokognitive Störungen (PND). Dieser Begriff soll Klarheit schaffen und die Diagnose sowie die Forschung verbessern.
Warum war die alte Bezeichnung problematisch?
Früher wurden kognitive Veränderungen nach einer Operation in verschiedene Kategorien eingeteilt, je nachdem, wann sie auftraten. Zum Beispiel gab es Aufwachdelir (unmittelbar nach der Operation), postoperatives Delir (POD) (24–72 Stunden nach der Operation) und postoperative kognitive Dysfunktion (POCD) (Wochen bis Monate nach der Operation). POCD wurde durch spezielle Tests festgestellt, die Gedächtnis, Aufmerksamkeit und motorische Fähigkeiten überprüften. Doch diese Tests sagten wenig darüber aus, wie stark die Betroffenen im Alltag eingeschränkt waren.
Ein weiteres Problem war, dass die alten Bezeichnungen nicht mit den gängigen Diagnosekriterien, wie sie im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) beschrieben sind, übereinstimmten. Das führte zu Verwirrung und erschwerte die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachrichtungen.
Warum brauchen wir ein neues System?
Eine internationale Expertengruppe aus Anästhesisten, Neurologen, Psychiatern und Geriatern erkannte, dass ein einheitliches System notwendig ist. Das neue PND-System orientiert sich an den DSM-5-Kriterien für neurokognitive Störungen (NCD). Es berücksichtigt nicht nur Testergebnisse, sondern auch die subjektiven Beschwerden der Patienten und die Auswirkungen auf den Alltag. Dadurch wird sichergestellt, dass die Diagnosen klinisch relevant sind.
Neue Einteilung der kognitiven Störungen nach Operationen
Das PND-System teilt kognitive Störungen in vier Kategorien ein [Abbildung 1]:
- Präoperative NCD: Kognitive Beeinträchtigungen, die vor der Operation bestehen. Sie werden in leicht oder schwer eingestuft. Studien zeigen, dass 14%–48% der Menschen über 70 eine leichte NCD haben und 10% eine schwere NCD. Diese Beeinträchtigungen sind nicht durch die Operation verursacht, beeinflussen aber den Heilungsprozess.
- Postoperatives Delir (POD): Delir, das innerhalb von 7 Tagen nach der Operation auftritt. Der Begriff Aufwachdelir wird nicht mehr verwendet, um Verwirrung zu vermeiden.
- Verzögerte neurokognitive Erholung (DNR): Kognitive Probleme, die bis zu 30 Tage nach der Operation anhalten. Dieser Begriff ersetzt die frühere Bezeichnung frühe POCD.
- Postoperative NCD: Kognitive Beeinträchtigungen, die 30 Tage bis 12 Monate nach der Operation festgestellt werden. Sie werden ebenfalls in leicht oder schwer eingestuft.
Diagnosekriterien und praktische Auswirkungen
Das PND-System verlangt:
- Subjektive Beschwerden: Berichte von Patienten, Angehörigen oder Ärzten.
- Neuropsychologische Tests: Diese werden vor der Operation, 7 Tage nach der Operation, 30 Tage und 12 Monate danach durchgeführt.
- Alltagsfunktionen: Es wird überprüft, wie stark die Beeinträchtigungen den Alltag beeinflussen.
Empfohlene Tests sind unter anderem:
- Z-Werte: Sie messen den kognitiven Rückgang im Vergleich zum Ausgangswert.
- Telefonische Tests: Zum Beispiel der Telephone Interview for Cognitive Status-Modified.
- Der Mini-Mental State Examination (MMSE) wird nicht mehr als alleiniges Diagnosewerkzeug empfohlen, da er subtile Beeinträchtigungen oft übersieht.
Herausforderungen und Chancen für die Forschung
Das neue System bringt sowohl Fortschritte als auch Herausforderungen:
- Längere Nachbeobachtung: Studien müssen Patienten bis zu 12 Monate nach der Operation begleiten. Das erfordert mehr Ressourcen.
- Vielschichtige Diagnostik: Die Kombination von Tests, Alltagsbewertungen und subjektiven Berichten erhöht die Genauigkeit, macht die Studien aber komplexer.
- Standardisierung: Es gibt noch keine Einigkeit darüber, welche Tests am besten geeignet sind.
- Neuberechnung der Häufigkeit: Strengere Kriterien könnten dazu führen, dass weniger Fälle von PND gemeldet werden als früher von POCD.
Auswirkungen auf die Grundlagenforschung
Tiermodelle, die kognitive Störungen nach Operationen untersuchen, müssen sich an das neue System anpassen. Das bedeutet:
- Modelle für bestehende NCD: Zum Beispiel ältere Tiere oder Tiere mit neurodegenerativen Erkrankungen.
- Funktionelle Tests: Zum Beispiel Nestbau oder soziale Interaktion.
- Langzeitbeobachtung: Die kognitiven Fähigkeiten müssen über 30 Tage hinaus überprüft werden.
Was bedeutet das für die Praxis?
Für Ärzte und Pflegepersonal ist das PND-System ein wichtiger Leitfaden:
- Vorherige Tests: Kognitive Beeinträchtigungen sollten vor der Operation erkannt werden.
- Delir-Vorbeugung: Bewährte Maßnahmen wie Schlafhygiene oder Medikamente sollten bei Risikopatienten eingesetzt werden.
- Nachsorge: Kognitive Probleme müssen auch nach der Entlassung überwacht werden.
- Patientenaufklärung: Vor allem ältere Patienten und ihre Angehörigen sollten über mögliche Verläufe informiert werden.
Offene Fragen und zukünftige Forschung
Trotz der Fortschritte gibt es noch Unklarheiten:
- Überlappende Zeiträume: Wie unterscheidet man zwischen verzögerter Erholung und postoperativer NCD?
- Ursachenforschung: Ist PND eine beschleunigte Neurodegeneration oder eine Folge von Anästhesie und Operation?
- Biomarker: Können Blut- oder Gehirnscans die Diagnose unterstützen?
- Weltweite Anwendung: Wie kann das System in Ländern mit begrenzten Ressourcen umgesetzt werden?
Fazit
Die Einführung der peri-operativen neurokognitiven Störungen (PND) ist ein wichtiger Schritt, um kognitive Probleme nach Operationen besser zu verstehen und zu behandeln. Das neue System schafft Klarheit und fördert die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachrichtungen. Doch es gibt noch viel zu tun, um die Diagnose zu standardisieren und die Forschung voranzutreiben.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000350
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