Kann man sich zweimal mit COVID-19 anstecken? Was wir über das Risiko einer Reinfektion wissen
Nach der Genesung von COVID-19 gehen viele davon aus, immun zu sein. Doch Fälle von Reinfektionen werfen Fragen darüber auf, wie lange der Schutz anhält und wer am meisten gefährdet ist. Eine aktuelle Auswertung globaler Daten liefert Antworten – und Überraschungen – über die Wahrscheinlichkeit, sich erneut mit SARS-CoV-2 (dem Virus, das COVID-19 verursacht) anzustecken.
Was gilt als Reinfektion?
Wissenschaftler definieren eine Reinfektion als zweimaliges positives Testergebnis auf SARS-CoV-2 mit einem Abstand von mindestens 45–90 Tagen zwischen den Infektionen. Diese Zeitspanne hilft, falsch positive Ergebnisse oder Restviren der ersten Erkrankung auszuschließen. Genetische Tests können bestätigen, ob es sich bei der zweiten Infektion um einen anderen Stamm handelt, aber die meisten Studien stützen sich auf den zeitlichen Abstand und die Symptome.
Wie häufig sind Reinfektionen?
Eine groß angelegte Auswertung analysierte 19 Studien mit über 325.000 Menschen, die COVID-19 hatten. Die Ergebnisse zeigten, dass sich 0,65 % der genesenen Patienten erneut infizierten. Anders ausgedrückt: Von 100 Menschen, die COVID-19 hatten, erkrankten weniger als 1 innerhalb von Monaten nach der Genesung erneut.
Symptomatische Reinfektionen – Fälle, in denen die Betroffenen beide Male erkrankten – waren noch seltener, nämlich 0,37 %. Diese Zahlen geben jedoch nicht das ganze Bild wieder.
Hochrisikogruppen sind stärker gefährdet
Obwohl Reinfektionen insgesamt selten sind, haben einige Gruppen ein höheres Risiko:
- Mitarbeiter im Gesundheitswesen: Reinfektionsrate von 1,59 %.
- Bewohner von Pflegeheimen: Ähnlich erhöhtes Risiko aufgrund enger Lebensbedingungen.
- Männer: Die Reinfektionsrate bei Männern (1,77 %) war fast fünfmal höher als bei Frauen (0,38 %).
Worauf ist dieser Unterschied zurückzuführen? Männer könnten eine schwächere Immunantwort haben oder in bestimmten Berufen einer höheren Exposition ausgesetzt sein. Auch ältere Erwachsene und Menschen mit chronischen Erkrankungen könnten anfällig sein, aber die Daten zu diesen Gruppen sind begrenzt.
Natürliche Immunität: Wie schützend ist sie?
Eine vorherige Infektion reduziert das Reinfektionsrisiko um 87 %, was vergleichbar mit vielen Impfstoffen ist. Bei symptomatischen Fällen bleibt der Schutz mit 87 % stark. Dies deutet darauf hin, dass eine überstandene COVID-19-Erkrankung einen ähnlichen Schutz bietet wie zwei Dosen mRNA-Impfstoffe wie Pfizer oder Moderna.
Aber die Immunität ist nicht perfekt. Einige Reinfektionen treten dennoch auf, insbesondere bei neuen Varianten. Beispielsweise handelte es sich bei der ersten bestätigten Reinfektion im Jahr 2020 um einen genetisch unterschiedlichen Stamm, was darauf hindeutet, dass Mutationen die natürliche Abwehr umgehen könnten.
Warum kommt es zu Reinfektionen?
Drei Faktoren begünstigen Reinfektionen:
- Nachlassende Immunität: Die Antikörperspiegel sinken mit der Zeit, sodass einige Menschen ungeschützt sind.
- Virusmutationen: Varianten wie Delta oder Omikron könnten Antikörper aus früheren Infektionen umgehen.
- Schwache Immunantwort: Ältere Erwachsene oder immungeschwächte Personen könnten nach der ersten Infektion keine starke Abwehr aufbauen.
Regionale und zeitliche Unterschiede
Die Reinfektionsraten variieren je nach Region:
- Nordamerika: 0,73 %
- Europa: 0,54 %
- Asien: 0,63 %
Diese Unterschiede könnten auf Testrichtlinien, die Verbreitung von Varianten oder die Bevölkerungsdichte zurückzuführen sein. Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Studien, die einen Abstand von 90 Tagen zwischen den Infektionen erforderten, berichteten über höhere Reinfektionsraten (0,74 %) als solche mit einem Abstand von 45 Tagen (0,14 %). Dies unterstützt die Annahme, dass die Immunität langsam über Monate hinweg abnimmt.
Warum dies für die öffentliche Gesundheit wichtig ist
Das Verständnis von Reinfektionen hilft bei der Gestaltung von Impfstrategien. In Regionen mit begrenzten Impfstoffdosen könnten genesene Personen länger auf ihre Impfung warten, da die natürliche Immunität vorübergehenden Schutz bietet. Hochrisikogruppen – wie Mitarbeiter im Gesundheitswesen – sollten jedoch weiterhin priorisiert geimpft werden.
Die Daten unterstreichen auch die Notwendigkeit fortlaufender Vorsichtsmaßnahmen. Masken, Abstandhalten und gute Belüftung bleiben entscheidend, insbesondere in überfüllten Räumen oder Regionen mit neuen Varianten.
Einschränkungen und Unbekannte
Diese Auswertung weist Lücken auf:
- Nur wenige Studien überprüften genetische Veränderungen bei Reinfektionen.
- Daten zu Kindern, älteren Erwachsenen und Langzeitfolgen (über 6–12 Monate hinaus) sind knapp.
- Varianten, die nach Mitte 2021 aufgetreten sind (wie Omikron), wurden nicht berücksichtigt.
Zukünftige Forschungen sollten untersuchen, wie lange die Immunität anhält und ob Reinfektionen mildere oder schwerere Symptome verursachen.
Das Fazit
Reinfektionen sind selten, aber möglich. Die natürliche Immunität funktioniert bei den meisten Menschen gut – zumindest eine Zeit lang. Impfstoffe bieten eine zusätzliche Sicherheitsschicht, insbesondere gegen neue Varianten. Informiert und vorsichtig zu bleiben, bleibt entscheidend, während sich das Virus weiterentwickelt.
Zu Bildungszwecken
doi.org/10.1097/CM9.0000000000001892