Kann eine längere Kultivierung von Embryonen die IVF-Erfolgsrate verbessern?

Kann eine längere Kultivierung von Embryonen die Erfolgsrate bei künstlicher Befruchtung verbessern?

Viele Paare, die sich für eine künstliche Befruchtung (IVF-ET) entscheiden, hoffen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft. Doch trotz großer Fortschritte in der Reproduktionsmedizin liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Embryo erfolgreich einnistet, oft nur bei 20 bis 30 Prozent. Ein zentrales Problem dabei ist die Auswahl der Embryonen mit dem größten Entwicklungspotenzial. Traditionell werden Embryonen am dritten Tag nach der Befruchtung nach morphologischen Kriterien beurteilt und dann transferiert. Doch was, wenn eine längere Kultivierung dieser Embryonen die Chancen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft erhöhen könnte? Eine aktuelle Studie hat genau das untersucht.

Embryonenentwicklung und die Aktivierung des embryonalen Genoms

Die frühe Entwicklung eines Embryos ist ein komplexer Prozess, der zunächst von mütterlichen Faktoren gesteuert wird. Am dritten Tag nach der Befruchtung beginnt jedoch ein entscheidender Übergang: Das embryonale Genom (Erbgut des Embryos) wird aktiviert. Embryonen, die diesen Schritt erfolgreich durchlaufen, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, sich weiterzuentwickeln und sich in der Gebärmutter einzunisten. Doch die Identifizierung solcher Embryonen ist schwierig, da äußere Merkmale allein nicht ausreichen, um das Entwicklungspotenzial zu beurteilen. Dies trägt zu den relativ niedrigen Einnistungsraten bei künstlichen Befruchtungen bei.

Studie: Längere Kultivierung von Embryonen am dritten Tag

Eine Studie des Zentrums für Reproduktionsmedizin des 940. Krankenhauses der chinesischen Volksbefreiungsarmee untersuchte, ob eine längere Kultivierung von Embryonen am dritten Tag die Erfolgsraten verbessern kann. Die Studie analysierte retrospektiv die Daten von 963 Behandlungszyklen zwischen Januar 2012 und Dezember 2017. Die Embryonen wurden in zwei Gruppen eingeteilt: In der ersten Gruppe wurden die Embryonen am dritten Tag zusätzlich 7 bis 8 Stunden länger kultiviert, während in der Kontrollgruppe die Embryonen nach der üblichen Beurteilung sofort transferiert wurden.

Methode: Wie wurde die längere Kultivierung durchgeführt?

In der Gruppe mit längerer Kultivierung wurden die Embryonen am Morgen des dritten Tages (zwischen 8:00 und 9:00 Uhr) beurteilt und dann bis zum Nachmittag (16:00 Uhr) weiter kultiviert. Embryonen, die während dieser Zeit eine Zellteilung zeigten, wurden als entwicklungsfähig eingestuft und bevorzugt transferiert. In der Kontrollgruppe wurden die Embryonen nur einmal am Morgen des dritten Tages beurteilt, und die besten Embryonen wurden sofort transferiert.

Ergebnisse: Höhere Lebendgeburtenraten durch längere Kultivierung

Die Studie zeigte, dass 57,63 Prozent der Embryonen in der Gruppe mit längerer Kultivierung während der zusätzlichen Stunden weiterentwickelten. Diese Embryonen hatten ein höheres Entwicklungspotenzial. Die klinische Schwangerschaftsrate lag in dieser Gruppe bei 55,04 Prozent, verglichen mit 48,98 Prozent in der Kontrollgruppe. Die Lebendgeburtenrate war in der Gruppe mit längerer Kultivierung mit 46,29 Prozent signifikant höher als in der Kontrollgruppe mit 37,95 Prozent. Auch die Einnistungsrate war in der Gruppe mit längerer Kultivierung höher (34,48 Prozent vs. 29,67 Prozent).

Zudem war die Anzahl der Embryotransferzyklen und die Zahl der transferierten Embryonen in der Gruppe mit längerer Kultivierung geringer. Dies deutet darauf hin, dass durch die längere Kultivierung weniger Embryonen transferiert werden mussten, um eine erfolgreiche Schwangerschaft zu erreichen.

Warum könnte eine längere Kultivierung helfen?

Die zusätzlichen Stunden der Kultivierung bieten den Embryonen eine kurze Zeitspanne, um ihr Entwicklungspotenzial zu zeigen. Embryonen, die sich in dieser Zeit weiterentwickeln, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, lebensfähig zu sein und sich erfolgreich einzunisten. Dieser Ansatz hat den Vorteil, dass er nicht die längere Kultivierungszeit erfordert, die für die Bildung eines Blastozysten (ein weiterentwickelter Embryo) notwendig ist. Zudem wurden nur 3,35 Prozent der Embryonen in der Gruppe mit längerer Kultivierung verworfen, verglichen mit etwa 50 Prozent der Embryonen, die in der traditionellen Blastozystenkultur das Blastozystenstadium nicht erreichen.

Fazit: Ein vielversprechender Ansatz in der Reproduktionsmedizin

Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass eine längere Kultivierung von Embryonen am dritten Tag die Lebendgeburtenrate bei künstlichen Befruchtungen verbessern kann. Diese Methode ermöglicht es, Embryonen mit höherem Entwicklungspotenzial zu identifizieren und zu transferieren, was die Erfolgsraten erhöhen kann. Gleichzeitig wird die Zahl der verworfenen Embryonen reduziert, was für viele Paare ein wichtiger ethischer Aspekt ist. Die längere Kultivierung von Embryonen am dritten Tag stellt somit einen vielversprechenden Fortschritt in der Reproduktionsmedizin dar.

For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000901

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