Kann ein gutartiger Wirbelsäulentumor psychische Symptome auslösen?

Kann ein gutartiger Wirbelsäulentumor psychische Symptome auslösen?

Ein junger Mann, 27 Jahre alt, ohne psychiatrische Vorgeschichte, begann plötzlich, sich seltsam zu verhalten. Er wirkte teilnahmslos, antwortete kaum noch und schien völlig erschöpft. Zuvor hatte er über Müdigkeit und Schlafprobleme geklagt. Diese Symptome erinnerten an eine psychische Erkrankung, doch die Wahrheit war weitaus komplexer.

Vor vier Jahren hatte der Patient eine Operation wegen eines gutartigen Tumors an der Wirbelsäule, einem sogenannten Spinalmeningeom (ein Tumor, der von den Häuten um das Rückenmark ausgeht). Damals verschwanden ähnliche Symptome nach der Entfernung des Tumors. Doch jetzt kehrten sie zurück – und verschlimmerten sich. Innerhalb weniger Tage verstummte der Patient vollständig und reagierte nicht mehr auf seine Umgebung.

Die Ärzte diagnostizierten zunächst eine organische Psychose (eine psychische Störung, die durch körperliche Ursachen ausgelöst wird). Sie behandelten ihn mit Medikamenten, die bei psychotischen Symptomen oft helfen, wie Olanzapine und Escitalopram. Doch nichts besserte sich.

Die Suche nach der Ursache

Um die Ursache zu finden, untersuchten die Ärzte die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor). Dabei entdeckten sie eine erhöhte Anzahl von weißen Blutkörperchen, was auf eine Entzündung hindeutete. Die Tests auf Viren oder Infektionen blieben negativ. Doch dann fanden sie Antikörper gegen den NMDA-Rezeptor (ein wichtiger Teil des Nervensystems, der bei der Signalübertragung im Gehirn eine Rolle spielt). Diese Entdeckung bestätigte die Diagnose einer Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis (eine seltene Entzündung des Gehirns, die durch Antikörper gegen den NMDA-Rezeptor verursacht wird).

Die Ärzte behandelten den Patienten mit Immunglobulinen (Antikörpern, die das Immunsystem unterstützen sollen). Doch auch diese Therapie zeigte keine Wirkung.

Der Wendepunkt

Weitere Untersuchungen folgten. CT-Scans von Brust, Bauch und Becken zeigten keine versteckten Tumoren. Eine erneute Liquoruntersuchung zwei Wochen später ergab jedoch noch höhere Entzündungswerte. Zudem wurden wieder Antikörper gegen den NMDA-Rezeptor gefunden.

Schließlich führten die Ärzte eine MRT-Untersuchung des Gehirns und der Wirbelsäule durch. Dabei entdeckten sie eine Verdickung im Rückenmark im Bereich der Halswirbelsäule. Es handelte sich um ein erneutes Wachstum des Spinalmeningeoms.

Der Patient wurde sofort operiert. Die Pathologie bestätigte, dass es sich um ein gutartiges Spinalmeningeom handelte. Nach der Operation besserte sich sein Zustand deutlich.

Was ist ein Spinalmeningeom?

Ein Spinalmeningeom ist ein gutartiger Tumor, der von den Häuten um das Rückenmark ausgeht. Es tritt am häufigsten im Brustbereich der Wirbelsäule auf und betrifft meist Frauen mittleren Alters. Typische Symptome sind Schmerzen, Schwäche und Gefühlsstörungen. Nach einer Operation kehrt der Tumor in 1,3 % bis 14,7 % der Fälle zurück.

Die Verbindung zur Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis

Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist die häufigste Form der autoimmunen Gehirnentzündung. Sie wird durch Antikörper gegen den NMDA-Rezeptor verursacht und äußert sich oft durch psychiatrische Symptome wie Psychosen oder Gedächtnisstörungen.

In den meisten Fällen wird diese Erkrankung mit Tumoren wie Teratomen (Keimzelltumoren), Thymomen (Tumoren des Thymus) oder kleinzelligen Lungenkarzinomen in Verbindung gebracht. Doch dieser Fall zeigt, dass auch gutartige Tumoren wie Spinalmeningeome eine Rolle spielen können.

Warum löst der Tumor psychische Symptome aus?

Die genauen Mechanismen sind noch unklar. Es wird vermutet, dass der Tumor das Immunsystem aktiviert und zur Bildung von Antikörpern gegen den NMDA-Rezeptor führt. Diese Antikörper greifen dann das Gehirn an und verursachen die psychiatrischen Symptome.

Nach der Entfernung des Tumors sinken die Antikörperspiegel oft, was zur Besserung der Symptome führt. Doch warum dies geschieht, ist noch nicht vollständig erforscht.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Dieser Fall zeigt, wie wichtig es ist, bei psychiatrischen Symptomen auch an körperliche Ursachen zu denken. Besonders bei Patienten mit einer Vorgeschichte von Tumoren im zentralen Nervensystem sollte eine erneute Untersuchung erfolgen.

Psychiater und Neurochirurgen sollten sich der möglichen Verbindung zwischen gutartigen Tumoren und der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis bewusst sein. Weitere Forschung ist nötig, um zu verstehen, warum manche Tumoren diese Reaktion auslösen und wie die Symptome nach einer Operation verschwinden.

Fazit

Die Geschichte des jungen Mannes ist ein seltenes, aber wichtiges Beispiel dafür, wie komplex die Verbindung zwischen Körper und Geist sein kann. Sie erinnert uns daran, dass psychische Symptome manchmal auf eine körperliche Erkrankung hinweisen können – und dass eine genaue Diagnose lebensrettend sein kann.

For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000435

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