Ist der Kiefergriff ein zuverlässiges Mittel für Narkosetiefe bei Übergewichtigen?

Ist der Kiefergriff ein zuverlässiges Mittel, um die Narkosetiefe bei stark übergewichtigen Patienten zu überprüfen?

Einleitung

Immer mehr Menschen weltweit sind stark übergewichtig. Diese Entwicklung führt zu mehr Operationen bei dieser Patientengruppe. Starkes Übergewicht, definiert durch einen Body-Mass-Index (BMI) von 40 kg/m² oder mehr, stellt Ärzte vor besondere Herausforderungen, besonders bei der Atemwegssicherung während der Narkose. Anatomische und physiologische Veränderungen wie eine verringerte Lungenkapazität und ein höheres Risiko für Atemprobleme erschweren die Narkoseführung.

Supraglottische Atemwegshilfen (SADs) werden bei stark übergewichtigen Patienten immer häufiger eingesetzt. Sie erleichtern die Sauerstoffversorgung und können als Hilfsmittel für die Beatmung dienen. Doch wie lässt sich die richtige Narkosetiefe für die Einführung eines SADs bestimmen? Zu wenig Narkose kann zu unerwünschten Reflexen führen, zu viel Narkose kann den Kreislauf belasten.

Der Kiefergriff, eine Technik, die bei Atemwegsverlegungen angewendet wird, wurde bereits bei normalgewichtigen Erwachsenen und Kindern als Indikator für die Narkosetiefe getestet. Doch ist diese Methode auch bei stark übergewichtigen Patienten unter Narkose mit Sevofluran (einem Narkosegas) zuverlässig? Diese Studie hat genau das untersucht.

Methoden

Studiendesign und Teilnehmer

Die Studie umfasste 30 stark übergewichtige Patienten (BMI 40–73 kg/m²), die sich einer geplanten Operation zur Gewichtsreduktion unterzogen. Ausgeschlossen wurden Patienten mit Atemwegsinfektionen, Asthma oder schwerem Schlafapnoe-Syndrom. Alle Teilnehmer gaben ihr Einverständnis, und die Studie wurde von der Ethikkommission genehmigt.

Narkoseprotokoll

Die Patienten wurden in einer erhöhten Position gelagert, um die Atemwege optimal auszurichten. Vor der Narkose erhielten sie reinen Sauerstoff, bis der Sauerstoffgehalt in der Ausatemluft 90% erreichte. Die Narkose begann mit 5% Sevofluran über eine Gesichtsmaske. Die Konzentration wurde alle 2 Minuten um 1% erhöht, bis entweder keine Reaktion auf den Kiefergriff mehr erfolgte oder die maximale Konzentration von 8% erreicht war.

Der Kiefergriff wurde alle 10 Sekunden von einem erfahrenen Anästhesisten durchgeführt. Dabei wurde für 5 Sekunden Druck auf die Kieferwinkel ausgeübt. Eine fehlende Reaktion signalisierte die ausreichende Narkosetiefe.

Anschließend wurde ein BlockBuster™ SAD eingeführt. Die Bedingungen für die Einführung wurden anhand des Bouvet-Scores bewertet, der sechs Faktoren berücksichtigt: Widerstand beim Mundöffnen, Widerstand beim Einführen des SADs, Schlucken, Husten/Würgen, Bewegungen des Kopfes/Körpers und Kehlkopfkrampf. Die Bewertungen wurden als „exzellent“, „gut“ oder „schlecht“ eingestuft.

Bronchoskopische Untersuchung

Nach erfolgreicher Platzierung des SADs wurde die Position des Geräts mit einem Bronchoskop überprüft. Die Bewertung erfolgte nach dem Brimacombe-Berry-System:

  • Grad 1: Kehlkopf nicht sichtbar.
  • Grad 2: Kehlkopf und vorderer Kehldeckel sichtbar.
  • Grad 3: Kehlkopf und hinterer Kehldeckel sichtbar.
  • Grad 4: Kehlkopf vollständig sichtbar.
    Die Grade 2–4 wurden als ausreichende Positionierung angesehen.

Datenerfassung

Herzfrequenz, Blutdruck, Atemvolumen und Atemfrequenz wurden vor, während und nach der Einführung des SADs aufgezeichnet. Nebenwirkungen wie Sauerstoffmangel, Atemstillstand oder Verletzungen der Atemwege wurden überwacht.

Ergebnisse

Patientenmerkmale

Die Studie umfasste 22 Frauen (73,3%) und 8 Männer mit einem durchschnittlichen BMI von 46,9 ± 8,5 kg/m². Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen waren häufig.

Ergebnisse der SAD-Einführung

Bei allen Patienten konnte der SAD beim ersten Versuch erfolgreich eingeführt werden. Die Bedingungen wurden in 30% der Fälle als „exzellent“ und in 70% als „gut“ bewertet. Leichter Widerstand beim Mundöffnen und bei der Einführung des SADs trat bei 66,7% bzw. 60% der Patienten auf. Nur ein Patient zeigte leichtes Schlucken und Würgen. Husten, Bewegungen oder Kehlkopfkrämpfe wurden nicht beobachtet.

Bronchoskopische Positionierung

Bei 93,3% der Patienten war die Position des SADs ausreichend (Grade 2–4). Bei zwei Patienten (6,7%) wurde der SAD nachjustiert, um eine effektive Beatmung zu gewährleisten.

Narkosetiefe und physiologische Parameter

Die durchschnittliche Sevofluran-Konzentration in der Ausatemluft (ETsev) betrug 2,2% ± 0,2% beim Verlust des Lidschlussreflexes und stieg auf 4,7% ± 0,5% beim Verlust der Kiefergriff-Reaktion. Der Lidschlussreflex verschwand nach 96,0 ± 16,2 Sekunden, die Kiefergriff-Reaktion nach 346,1 ± 47,7 Sekunden.

Signifikante Veränderungen wurden bei Herzfrequenz, Blutdruck und Atemvolumen festgestellt:

  • Herzfrequenz: Anstieg von 81,5 ± 10,4 auf 98,1 ± 8,3 Schläge/min.
  • Blutdruck: Abfall von 103,5 ± 8,8 mmHg auf 92,5 ± 10,5 mmHg.
  • Atemvolumen: Abnahme von 676,7 ± 139,0 mL auf 449,3 ± 102,7 mL.

Nach der Einführung normalisierten sich Atemfrequenz und CO₂-Gehalt in der Ausatemluft.

Nebenwirkungen

Bei fünf Patienten (16,7%) trat ein vorübergehender Atemstillstand auf, der durch die Platzierung eines Atemwegsrohrs behoben wurde. Sauerstoffmangel, verlangsamter Herzschlag oder Verletzungen der Atemwege traten nicht auf.

Diskussion

Zuverlässigkeit des Kiefergriffs

Die Studie zeigt, dass der Kiefergriff ein zuverlässiger Indikator für die Narkosetiefe bei stark übergewichtigen Patienten ist. Das Fehlen einer Reaktion korrelierte in 100% der Fälle mit guten oder exzellenten Bedingungen für die SAD-Einführung. Diese Ergebnisse stimmen mit früheren Studien bei normalgewichtigen Patienten überein.

Vergleich mit anderen Indikatoren

Die Sevofluran-Konzentration in der Ausatemluft und der Verlust des Lidschlussreflexes sind weniger zuverlässig. Der Kiefergriff bietet durch seinen stärkeren Reiz eine konsistentere Methode zur Überprüfung der Narkosetiefe.

Klinische Bedeutung

Stark übergewichtige Patienten haben ein höheres Risiko für Atemwegsprobleme. Die Narkose mit Sevofluran und spontaner Atmung reduziert das Risiko von Atemwegsnotfällen. Der BlockBuster™ SAD mit seinem hohen Verschlussdruck und der Möglichkeit zur Magenentleerung ist besonders sicher für diese Patientengruppe.

Einschränkungen der Studie

Die Studie umfasste keine Vergleichsgruppe, was den direkten Vergleich mit anderen Methoden erschwert. Die hohe Anzahl von Frauen (73%) und das jüngere Durchschnittsalter (29,2 Jahre) könnten die Ergebnisse beeinflussen. Zudem wurde nur eine Größe des SADs verwendet, was nicht alle anatomischen Unterschiede berücksichtigt.

Fazit

Der Kiefergriff ist eine effektive Methode, um die Narkosetiefe bei stark übergewichtigen Patienten zu bestimmen. Seine Einfachheit und hohe Zuverlässigkeit machen ihn zu einem wertvollen Werkzeug in der klinischen Praxis. Weitere Studien sollten seine Anwendung bei verschiedenen Patientengruppen und Atemwegshilfen untersuchen.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000000403
For educational purposes only.

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