Herzinfarkt ohne Brustschmerzen: Warum sind die Folgen oft schwerwiegender?
Ein Herzinfarkt ist ein medizinischer Notfall, der sofort behandelt werden muss. Die meisten Menschen kennen die typischen Symptome: starke Schmerzen in der Brust, die in den Arm oder Kiefer ausstrahlen. Doch was, wenn der Herzinfarkt ohne diese klassischen Beschwerden auftritt? Eine aktuelle Studie aus China zeigt, dass Patienten mit einem Herzinfarkt ohne Brustschmerzen ein höheres Risiko für schwere Komplikationen und sogar den Tod haben.
Studie und Teilnehmer
Die Studie basiert auf Daten aus dem China Acute Myocardial Infarction (CAMI) Register. Dieses Register umfasst 107 Krankenhäuser in China und sammelte Informationen von über 26.000 Patienten mit einem akuten Herzinfarkt. Für diese Analyse wurden 12.145 Patienten mit einem ST-Hebungsinfarkt (STEMI) untersucht, die eine bestimmte Behandlung, die sogenannte perkutane Koronarintervention (PCI), erhielten.
Die Patienten wurden in zwei Gruppen eingeteilt:
- Ohne Brustschmerzen: 2.922 Patienten (24,1 %)
- Mit Brustschmerzen: 9.223 Patienten (75,9 %)
Typische Brustschmerzen wurden als Schmerzen in der Brust oder hinter dem Brustbein definiert, die länger als 20 Minuten anhielten. Atypische Symptome waren unter anderem Schwitzen, Bauchschmerzen, Atemnot, Bewusstlosigkeit, Übelkeit oder Erbrechen.
Unterschiede in den Merkmalen der Patienten
Patienten ohne Brustschmerzen waren im Durchschnitt älter (61,0 Jahre vs. 59,7 Jahre) und hatten häufiger Diabetes (20,0 % vs. 17,8 %). Sie suchten auch später medizinische Hilfe und hatten bei der Ankunft im Krankenhaus schwerere Symptome. Zum Beispiel befanden sich 3,6 % der Patienten ohne Brustschmerzen im Stadium IV der Killip-Klassifikation (kardiogener Schock) im Vergleich zu 2,7 % in der Gruppe mit Brustschmerzen.
Auch der Blutdruck war bei diesen Patienten niedriger (125,6/77,5 mmHg vs. 127,8/79,2 mmHg), was auf eine schlechtere Herz-Kreislauf-Funktion hindeutet.
Ergebnisse der Herzkatheteruntersuchung
Bei der Untersuchung der Herzkranzgefäße (Koronarangiographie) gab es deutliche Unterschiede. Patienten ohne Brustschmerzen hatten häufiger ein betroffenes Gefäß in der rechten Herzkranzarterie (RCA) (42,9 % vs. 36,9 %) und seltener in der linken vorderen absteigenden Arterie (LAD) (44,6 % vs. 51,2 %). Der Blutfluss in den Gefäßen war bei ihnen jedoch besser (TIMI-Flussgrad 1,00 vs. 0,94).
Thrombosen (Blutgerinnsel) waren bei Patienten ohne Brustschmerzen seltener (53,0 % vs. 56,7 %). Es gab keine signifikanten Unterschiede in der Anzahl der erkrankten Gefäße oder bei Beteiligung der linken Hauptkoronararterie.
Unterschiede in der Behandlung
Patienten ohne Brustschmerzen erhielten seltener eine sofortige PCI (64,9 % vs. 73,9 %) und wurden weniger häufig mit bestimmten Medikamenten behandelt:
- Aspirin: 97,4 % vs. 98,0 %
- Thienopyridine: 97,9 % vs. 98,5 %
- Statine: 97,5 % vs. 98,0 %
- Heparin: 90,0 % vs. 93,3 %
- Betablocker: 70,6 % vs. 73,2 %
Dafür wurden bei ihnen häufiger geplante PCI-Eingriffe durchgeführt (45,7 % vs. 37,3 %).
Klinische Ergebnisse
Die Sterblichkeitsrate im Krankenhaus war bei Patienten ohne Brustschmerzen höher (3,3 % vs. 2,2 %). Auch die 30-Tage-Sterblichkeit lag bei ihnen höher (4,1 % vs. 2,8 %). Komplikationen wie kardiogener Schock (4,3 % vs. 3,3 %) und Herzstillstand (2,0 % vs. 1,2 %) traten häufiger auf.
Auch nach Berücksichtigung von Faktoren wie Alter, Diabetes und Behandlungsverzögerungen blieb das Fehlen von Brustschmerzen ein unabhängiger Risikofaktor für eine höhere Sterblichkeit.
Mögliche Gründe für die schlechteren Ergebnisse
Interessanterweise hatten Patienten ohne Brustschmerzen bessere Blutflusswerte und weniger Thrombosen. Die schlechteren Ergebnisse sind daher wahrscheinlich auf andere Faktoren zurückzuführen:
- Grundlegende Risikofaktoren: Älteres Alter, häufiger Diabetes und späte Krankenhausaufnahme.
- Unterschiede in der Behandlung: Weniger sofortige PCI und weniger Einsatz von empfohlenen Medikamenten.
- Späte Diagnose: Atypische Symptome führen zu einer verzögerten Diagnose und Behandlung.
Die häufigeren Infarkte in der rechten Herzkranzarterie könnten auch erklären, warum diese Patienten eher untypische Symptome wie Übelkeit oder Bauchschmerzen haben.
Was bedeutet das für die Praxis?
Diese Studie zeigt, wie wichtig es ist, Herzinfarkte auch bei Patienten ohne Brustschmerzen schnell zu erkennen und zu behandeln. Besonders ältere Menschen und Diabetiker sind gefährdet. Empfehlungen sind:
- Schnelle Untersuchungen bei unspezifischen Symptomen wie Atemnot oder Bewusstlosigkeit.
- Standardisierte EKG-Untersuchungen bei Risikopatienten, unabhängig von den Symptomen.
- Gleichberechtigter Zugang zu lebensrettenden Behandlungen für alle Patienten.
Einschränkungen der Studie
Die Studie konzentrierte sich nur auf Patienten, die eine PCI erhielten. Andere, möglicherweise schwerere Fälle wurden nicht berücksichtigt. Auch fehlten detaillierte Daten zu Behandlungszeiten und diabetischen Komplikationen.
Fazit
Fast ein Viertel der Herzinfarktpatienten in China hat keine typischen Brustschmerzen. Diese Patienten haben ein 50 % höheres Risiko, im Krankenhaus zu sterben. Die Gründe dafür sind Alter, Begleiterkrankungen und Behandlungsverzögerungen, nicht die Schwere der Gefäßveränderungen. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, die Diagnose und Behandlung von Herzinfarkten ohne Brustschmerzen zu verbessern.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000432
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