Harnmarker bei überaktiver Blase: NGF und BDNF in Diagnose und Schweregradbestimmung

Harnmarker bei überaktiver Blase: Nervenwachstumsfaktor und brain-derived neurotrophic factor in Diagnose und Schweregradbestimmung

Leiden Sie unter plötzlichem Harndrang, häufigem Wasserlassen oder unkontrolliertem Urinverlust? Die überaktive Blase (OAB) ist eine häufige Erkrankung, die das Leben vieler Menschen beeinträchtigt. In China steigt die Häufigkeit von OAB von 5,9 % bei Erwachsenen über 18 Jahre auf 11,3 % bei Personen über 40 Jahre. Bisher basiert die Diagnose hauptsächlich auf subjektiven Beschwerden und Fragebögen. Doch gibt es objektive Messmethoden, die helfen können? Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass bestimmte Stoffe im Urin – der Nervenwachstumsfaktor (NGF) und der brain-derived neurotrophic factor (BDNF) – vielversprechende Hinweise liefern könnten.

Studie und Teilnehmer

Zwischen August 2014 und Februar 2015 wurden 30 unbehandelte Frauen mit OAB (Durchschnittsalter: 62,0 ± 15,5 Jahre) und 25 gesunde Frauen (Durchschnittsalter: 66,6 ± 11,8 Jahre) untersucht. Die Diagnose OAB wurde anhand klinischer Kriterien und des Overactive Bladder Symptom Score (OABSS) gestellt. Die OAB-Gruppe hatte einen durchschnittlichen OABSS-Wert von 8,9 ± 3,5, während die Kontrollgruppe bei 1,7 ± 1,6 lag (P < 0,01). Die Konzentrationen von NGF und BDNF im Urin wurden gemessen und anhand des Kreatininwerts (Cr) standardisiert.

Erhöhte Biomarker bei OAB-Patienten

Die Werte von NGF/Cr und BDNF/Cr waren bei OAB-Patienten deutlich höher als bei den gesunden Teilnehmern (P = 0,04 bzw. P < 0,01). Der durchschnittliche NGF/Cr-Wert bei OAB-Patienten betrug 26,32 pg/mg (Bereich: 2,6–63,0). BDNF/Cr-Werte waren sogar etwa 21,2-mal höher als die NGF/Cr-Werte. Diese Ergebnisse zeigen, dass beide Biomarker bei OAB stark erhöht sind.

Zusammenhang mit dem Schweregrad

Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen eingeteilt: mild (OABSS 1–5, n = 7), mittel (OABSS 6–10, n = 13) und schwer (OABSS 11–15, n = 10). In der schweren Gruppe waren die NGF/Cr-Werte deutlich höher als in der Kontrollgruppe (P < 0,01) und der milden Gruppe (P < 0,01). BDNF/Cr-Werte waren in der Kontrollgruppe signifikant niedriger als in der mittleren (P = 0,03) und schweren Gruppe (P < 0,01). Beide Biomarker zeigten eine starke positive Korrelation mit dem Gesamt-OABSS (NGF/Cr: r = 0,55, P < 0,01; BDNF/Cr: r = 0,43, P = 0,02).

Eine weitere Analyse unterschied zwischen „trockener“ OAB (ohne unkontrollierten Urinverlust, n = 9) und „nasser“ OAB (mit unkontrolliertem Urinverlust, n = 21). In der „nassen“ Gruppe waren die NGF/Cr- und BDNF/Cr-Werte deutlich höher als in der Kontrollgruppe (P < 0,05) und der „trockenen“ Gruppe (P < 0,05). Dies deutet darauf hin, dass die Biomarker mit der Komplexität der Symptome zusammenhängen.

Spezifische Symptomkorrelationen

Plötzlicher Harndrang und unkontrollierter Urinverlust zeigten die stärksten Zusammenhänge mit den Biomarkerwerten. Für Harndrang waren NGF/Cr (r = 0,55, P < 0,01) und BDNF/Cr (r = 0,43, P = 0,02) signifikant erhöht. Ebenso korrelierte der Schweregrad des unkontrollierten Urinverlusts mit NGF/Cr (r = 0,59, P < 0,01) und BDNF/Cr (r = 0,52, P < 0,01). Keine signifikanten Zusammenhänge wurden für häufiges Wasserlassen oder nächtliches Wasserlassen festgestellt. Dies zeigt, dass die Biomarker spezifisch mit dem plötzlichen Harndrang zusammenhängen.

Diagnosegenauigkeit und Schwellenwerte

Die diagnostische Genauigkeit von NGF/Cr und BDNF/Cr wurde mithilfe der ROC-Analyse (Receiver Operating Characteristic) bewertet. Für NGF/Cr betrug die Fläche unter der Kurve (AUC) 0,793 (P < 0,01), mit einer Sensitivität von 93,3 % und einer Spezifität von 64,0 % bei einem Schwellenwert von 26,32 pg/mg. BDNF/Cr zeigte eine AUC von 0,739 (P = 0,01), mit einer niedrigeren Sensitivität (76,7 %) und Spezifität (68,0 %). Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass NGF/Cr der bessere diagnostische Biomarker ist, während BDNF/Cr als ergänzender Indikator dienen kann.

Unterschiede und mögliche Ursachen

Die Studie identifizierte vier Biomarker-Profile bei OAB-Patienten:

  1. Erhöhte NGF/Cr- und BDNF/Cr-Werte (n = 20),
  2. Nur erhöhte BDNF/Cr-Werte (n = 4),
  3. Nur erhöhte NGF/Cr-Werte (n = 1),
  4. Keine Erhöhung (n = 5).

Diese Unterschiede deuten auf verschiedene zugrunde liegende Mechanismen hin. Beispielsweise könnten Patienten mit nur erhöhten BDNF/Cr-Werten andere Veränderungen in der Blasenfunktion aufweisen als solche mit beiden erhöhten Biomarkern. Weitere Forschung ist nötig, um diese Mechanismen zu verstehen.

Klinische Bedeutung

Frühere Studien haben gezeigt, dass NGF/Cr und BDNF/Cr auch zur Überwachung des Behandlungserfolgs genutzt werden können. So wurde berichtet, dass eine antimuskarinische Therapie die NGF/Cr-Werte senkt, wenn sich die Symptome verbessern. Auch Injektionen von Botulinumtoxin A in die Blase können die NGF/Cr-Werte bei erfolgreicher Behandlung reduzieren. Diese Studie hat zwar keine Behandlungsergebnisse untersucht, aber ihre Ergebnisse unterstützen die Annahme, dass NGF/Cr und BDNF/Cr die aktuelle Krankheitsaktivität widerspiegeln.

Einschränkungen und zukünftige Forschung

Die Studie hat einige Grenzen: Die Teilnehmerzahl war klein, Männer und Patienten mit sekundärer OAB wurden ausgeschlossen, und es gab keine Langzeitdaten nach der Behandlung. Zukünftige Studien mit mehr Teilnehmern und verschiedenen Patientengruppen sind notwendig, um die Ergebnisse zu bestätigen.

Fazit

Die Werte von NGF/Cr und BDNF/Cr im Urin sind bei unbehandelten Frauen mit OAB deutlich erhöht und korrelieren stark mit dem Schweregrad der Symptome, insbesondere mit plötzlichem Harndrang und unkontrolliertem Urinverlust. NGF/Cr zeigt eine hohe diagnostische Genauigkeit und könnte als objektives Hilfsmittel zur Diagnose und Überwachung von OAB dienen.

doi.org/10.1097/CM9.0000000000000214
For educational purposes only.

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