Erhöhtes Risiko für Lungenkrebs bei Schilddrüsenkrebs-Patienten: Was Sie wissen müssen
Haben Sie sich jemals gefragt, ob Menschen, die Schilddrüsenkrebs überlebt haben, ein höheres Risiko haben, an einer anderen Krebsart zu erkranken? Besonders Lungenkrebs, eine der häufigsten und tödlichsten Krebsarten weltweit, steht im Fokus dieser Frage. Mit der steigenden Zahl von Schilddrüsenkrebs-Überlebenden wird die Sorge um sogenannte Zweitkrebserkrankungen immer größer. Diese Untersuchung zeigt, was die aktuelle Forschung über das Risiko von Lungenkrebs bei Schilddrüsenkrebs-Patienten sagt.
Hintergrund und Bedeutung
Schilddrüsenkrebs ist eine der häufigsten Krebsarten weltweit und hat in der Regel eine gute Prognose. Die meisten Fälle sind sogenannte papilläre Schilddrüsenkarzinome, die weniger aggressiv sind und oft erfolgreich behandelt werden können. Dank verbesserter Diagnose- und Behandlungsmethoden leben immer mehr Menschen nach einer Schilddrüsenkrebs-Diagnose länger. Doch mit dieser längeren Lebenserwartung steigt auch die Wahrscheinlichkeit, an einer zweiten Krebsart zu erkranken, insbesondere an Lungenkrebs.
Lungenkrebs hingegen ist die zweithäufigste Krebsart und die häufigste Todesursache durch Krebs weltweit. Die hohe Sterblichkeitsrate unterstreicht die Bedeutung einer frühzeitigen Erkennung und Behandlung von Lungenkrebs, besonders bei Patienten, die bereits eine Krebserkrankung überstanden haben.
Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Behandlungen gegen Schilddrüsenkrebs, wie die Radiojodtherapie (RAI) oder Bestrahlungen, das Risiko für Zweitkrebserkrankungen erhöhen könnten. Auch häufige Nachsorgeuntersuchungen, bei denen Patienten Röntgenstrahlen ausgesetzt sind, könnten eine Rolle spielen. Doch bisher gibt es nur begrenzte Erkenntnisse darüber, wie hoch das Risiko für Lungenkrebs bei Schilddrüsenkrebs-Patienten wirklich ist und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Diese Untersuchung fasst die Ergebnisse großer Bevölkerungsstudien zusammen, um das Risiko besser zu verstehen.
Methoden
Diese Untersuchung folgte den PRISMA-Richtlinien, einem standardisierten Verfahren für die Durchführung von Meta-Analysen. Es wurden Datenbanken wie PubMed, Web of Science, Embase und Scopus bis zum 24. November 2021 durchsucht. Dabei wurden Schlüsselwörter wie „Lunge“, „Lungenkrebs“, „Schilddrüse“ und „Zweitkrebs“ verwendet. Studien wurden nur dann berücksichtigt, wenn sie folgende Kriterien erfüllten: (1) Schilddrüsenkrebs und Lungenkrebs wurden pathologisch bestätigt; (2) das Risiko für Lungenkrebs bei Schilddrüsenkrebs-Patienten wurde mit dem der Allgemeinbevölkerung verglichen; (3) die Studien lieferten standardisierte Inzidenzraten (SIRs) mit 95%-Konfidenzintervallen (CIs); und (4) die Studien waren in Englisch veröffentlicht. Übersichtsarbeiten, Fallberichte und Studien mit unzureichenden Daten wurden ausgeschlossen.
Die Datenextraktion erfolgte unabhängig durch zwei Forscher, und Unstimmigkeiten wurden durch Diskussion gelöst. Die Qualität der Studien wurde mit der Newcastle-Ottawa-Skala (NOS) bewertet, wobei Studien mit einem Score von ≥6 als hochwertig eingestuft wurden. Die statistische Analyse wurde mit der Software R durchgeführt, und die gepoolten SIRs und 95%-CIs wurden unter Verwendung von Zufalls- oder Festeffektmodellen berechnet, abhängig von der Heterogenität der Daten. Subgruppenanalysen wurden durchgeführt, um mögliche Störfaktoren zu untersuchen, und Sensitivitätsanalysen überprüften die Robustheit der Ergebnisse. Die Publikationsverzerrung wurde mithilfe von Trichterdiagrammen, dem Begg-Test und dem Egger-Test bewertet.
Ergebnisse
Insgesamt wurden 14 Studien mit 1.480.816 Fällen in die Meta-Analyse einbezogen. Die Ergebnisse zeigten, dass Schilddrüsenkrebs-Patienten ein signifikant höheres Risiko hatten, an Lungenkrebs zu erkranken, verglichen mit der Allgemeinbevölkerung (SIR = 1,21, 95% CI: 1,07–1,36, P < 0,01). Allerdings gab es eine erhebliche Heterogenität zwischen den Studien (I² = 81%, P < 0,01).
Subgruppenanalysen ergaben, dass Frauen mit Schilddrüsenkrebs ein deutlich höheres Risiko für Lungenkrebs hatten als Männer (SIR = 1,65, 95% CI: 1,40–1,94, P < 0,01). Bei Männern war das Risiko hingegen nicht signifikant erhöht (SIR = 1,04, 95% CI: 0,94–1,14, P = 0,46). Darüber hinaus schien das Risiko für asiatische Patienten höher zu sein als für europäische oder amerikanische Patienten (SIR = 1,42, 95% CI: 1,21–1,66, P < 0,01). Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen jüngeren (≤50 Jahre) und älteren (>50 Jahre) Patienten.
Die Sensitivitätsanalyse zeigte, dass die Ergebnisse robust waren, da das Entfernen einzelner Studien die gepoolten SIRs nicht wesentlich veränderte. Allerdings reduzierte der Ausschluss einer Studie von Teng et al. (2016) die Heterogenität erheblich, was darauf hindeutet, dass diese Studie zur beobachteten Variabilität beigetragen haben könnte. Die Untersuchung der Publikationsverzerrung ergab keine signifikante Verzerrung (Begg: P = 0,93, Egger: P = 0,63).
Diskussion
Die Ergebnisse dieser Meta-Analyse deuten darauf hin, dass Schilddrüsenkrebs-Patienten, insbesondere Frauen und Personen asiatischer Herkunft, ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs haben. Das höhere Risiko bei Frauen könnte auf hormonelle Faktoren zurückzuführen sein, da Östrogen eine Rolle bei der Entstehung von Schilddrüsen- und Lungenkrebs spielen kann. Östrogen kann das Tumorwachstum und die Zellteilung über bestimmte Signalwege, wie den MAPK- und PI3K/AKT-Weg, fördern. Dies könnte erklären, warum Frauen mit Schilddrüsenkrebs anfälliger für Lungenkrebs sind als Männer.
Das höhere Risiko bei asiatischen Patienten könnte auf genetische Veranlagungen oder Umweltfaktoren zurückzuführen sein. Mutationen in den Genen RET und BRAF, die sowohl bei Schilddrüsen- als auch bei Lungenkrebs häufig vorkommen, könnten eine Rolle spielen. Darüber hinaus könnten Unterschiede im Lebensstil, wie Rauchen und die Exposition gegenüber Umweltgiften, zu dem erhöhten Risiko in dieser Bevölkerungsgruppe beitragen.
Die Rolle der Radiojodtherapie (RAI) bei der Entstehung von Lungenkrebs bleibt umstritten. Einige Studien deuten darauf hin, dass RAI das Risiko für Zweitkrebserkrankungen erhöhen könnte, während andere keine signifikante Verbindung feststellen konnten. Die Mechanismen, die zu strahleninduzierten Lungenschäden (RILI) und möglicherweise zur Entstehung von Lungenkrebs führen, müssen weiter erforscht werden. Strahlung kann Entzündungen und Fibrosen in der Lunge verursachen, was ein Umfeld schaffen könnte, das die Tumorentstehung begünstigt. Darüber hinaus könnten strahleninduzierte Genveränderungen das Risiko für Zweitkrebserkrankungen erhöhen, unabhängig von der Art des ursprünglichen Tumors.
Einschränkungen
Diese Meta-Analyse hat einige Einschränkungen. Erstens könnte die hohe Heterogenität zwischen den Studien die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse einschränken. Zweitens waren die meisten Studien retrospektiv, und einige lieferten keine detaillierten Informationen über mögliche Störfaktoren wie Rauchen, Körpergewicht oder familiäre Vorbelastung. Darüber hinaus zeigt der Mangel an Daten zur Rolle der RAI bei der Entstehung von Lungenkrebs, dass weitere Forschung in diesem Bereich notwendig ist.
Fazit
Schilddrüsenkrebs-Patienten, insbesondere Frauen und Personen asiatischer Herkunft, haben ein erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer sorgfältigen Nachsorge und frühzeitigen Erkennung von Lungenkrebs bei Schilddrüsenkrebs-Überlebenden. Zukünftige prospektive Studien sind notwendig, um diese Ergebnisse zu bestätigen und mögliche Risikofaktoren, einschließlich der Rolle der RAI und genetischer Veranlagungen, zu untersuchen. Ein besseres Verständnis der Mechanismen, die zur Entstehung von Lungenkrebs bei Schilddrüsenkrebs-Patienten führen, wird die Identifizierung von Hochrisikopatienten erleichtern und die klinische Entscheidungsfindung unterstützen.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000002457
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