Das Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion (SIADH) bei Multiplem Myelom

Das Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion (SIADH) bei Multiplem Myelom: Ein Fallbericht und Literaturüberblick

Haben Sie schon einmal von einem Zustand gehört, bei dem der Körper zu viel Wasser zurückhält und dadurch lebenswichtige Salze im Blut verdünnt? Dieses Phänomen, bekannt als Hyponatriämie (niedriger Natriumspiegel im Blut), ist eine der häufigsten Störungen des Elektrolythaushalts. Oft tritt es bei Erkrankungen wie Herzschwäche, Nierenproblemen oder Lungeninfektionen auf. Eine spezielle Form der Hyponatriämie, das Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion (SIADH), entsteht durch eine Fehlregulation des antidiuretischen Hormons (ADH), das den Wasserhaushalt steuert. Während SIADH häufig mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht wird, ist seine Verbindung zu Blutkrebs, insbesondere dem Multiplen Myelom (MM), äußerst selten. Dieser Artikel beschreibt einen Fall, bei dem SIADH das erste Anzeichen eines Multiplen Myeloms war, und beleuchtet die Herausforderungen bei der Diagnose, die Behandlung und die zugrunde liegenden Mechanismen.

Klinische Präsentation und erste Untersuchungen

Ein 60-jähriger chinesischer Mann klagte über zunehmende Schwäche, Taubheitsgefühle und Kribbeln in den Beinen, die sich über drei Monate hinweg verschlimmerten. In den letzten zehn Tagen konnte er kaum noch gehen. Begleitend berichtete er von einem erheblichen Gewichtsverlust (10 kg in drei Monaten) und einer Vorgeschichte von Bluthochdruck. Bei der körperlichen Untersuchung zeigten sich normale Muskelkraft und Sinneswahrnehmung in den Beinen, doch der Patient wirkte emotional distanziert.

Laboruntersuchungen ergaben eine schwere Hyponatriämie (Natriumspiegel: 111,9 mmol/L; Normalbereich: 135–145 mmol/L) sowie erhöhte Globulin- (45 g/L) und IgG-Werte (4,13 g/L; Normal: 0,87–1,70 g/L). Gleichzeitig waren die IgM- (0,013 g/L) und IgA-Werte (0,033 g/L) stark reduziert. Eine Untersuchung des Bluteiweißes (Serumelektrophorese) zeigte einen monoklonalen IgG-kappa-Spitzenwert (M-Komponente: 23%), was den Verdacht auf eine Erkrankung der Plasmazellen nahelegte. Eine Knochenmarkpunktion bestätigte die Diagnose: 23 % klonale Plasmazellen, die positiv für CD38, CD138 und zytoplasmatisches IgG-kappa waren. Genetische Untersuchungen (FISH) zeigten keine Auffälligkeiten. Bildgebende Verfahren deckten zerstörerische Veränderungen (lytische Läsionen) in der Brust- und Lendenwirbelsäule auf, die typisch für ein Multiples Myelom sind. Der Patient wurde nach den Durie-Salmon- und ISS-Kriterien als Stadium III bzw. I eingestuft.

Diagnose des SIADH

Weitere Untersuchungen zur Hyponatriämie zeigten eine niedrige Plasmaosmolalität (228,0 mOsm/kg H₂O; Normalbereich: 285–295 mOsm/kg H₂O) sowie unangemessen hohe Werte für Urinosmolalität (261,9 mOsm/kg H₂O) und Natrium im Urin (400,9 mmol/24h; Normal: 40–220 mmol/24h). Schilddrüsen- und Nebennierenfunktionen waren normal, wodurch andere hormonelle Ursachen ausgeschlossen wurden. Eine Magnetresonanztomographie (MRT) der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) zeigte ein kleines Adenom (0,3 cm) mit verminderter Kontrastmittelaufnahme. Da jedoch kein Zusammenhang zwischen dem Adenom und der Hyponatriämie bestand und sich der Natriumspiegel nach der Behandlung des Multiplen Myeloms normalisierte, wurde SIADH als paraneoplastisches (krebsbedingtes) Phänomen eingestuft.

Behandlung und Verlauf

Die Behandlung zielte sowohl auf SIADH als auch auf das Multiple Myelom ab. Zur Korrektur der Hyponatriämie wurden eine Flüssigkeitsrestriktion und das Medikament Samsca (Tolvaptan, 15 mg täglich), ein spezifischer Hemmer des Vasopressin-V2-Rezeptors, verordnet. Für das Multiple Myelom erhielt der Patient ein Bortezomib-basiertes Schema (1,3 mg/m² an den Tagen 1, 4, 8 und 11) in Kombination mit Methylprednisolon (80 mg an denselben Tagen). Innerhalb von zwei Zyklen sank der IgG-Wert von 4,13 g/L auf 1,14 g/L, was eine vollständige hämatologische Remission bedeutete. Der Natriumspiegel normalisierte sich (135–145 mmol/L), und Tolvaptan konnte abgesetzt werden, ohne dass die Hyponatriämie zurückkehrte. Nach zwei Jahren befand sich der Patient weiterhin in Remission mit stabilen Natriumwerten.

Pathophysiologische Überlegungen

SIADH bei Krebserkrankungen wird oft durch eine fehlerhafte ADH-Produktion der Tumorzellen oder die Freisetzung von ADH-ähnlichen Substanzen verursacht. In diesem Fall gab es jedoch keine direkten Hinweise auf eine ADH-Synthese durch die Myelomzellen. Mögliche Mechanismen sind:

  1. Paraneoplastische Mediatoren: Entzündungsbotenstoffe (Zytokine), die vom Myelom freigesetzt werden, könnten die ADH-Ausschüttung im Gehirn anregen.
  2. Medikamenteninduziertes SIADH: Obwohl Bortezomib und Cyclophosphamide mit SIADH in Verbindung gebracht werden, trat die Hyponatriämie bei diesem Patienten vor der Chemotherapie auf, was auf eine krankheitsbedingte Ursache hindeutet.
  3. Interaktionen mit der Hypophyse: Das zufällig entdeckte Hypophysenadenom spielte keine Rolle, da die Hyponatriämie trotz seines Fortbestehens verschwand.

Klinische Bedeutung und Literaturkontext

SIADH als erstes Anzeichen eines Multiplen Myeloms ist extrem selten, mit nur wenigen dokumentierten Fällen. Frühere Studien beschreiben SIADH bei Myelompatienten, die Proteasomhemmer (z. B. Bortezomib) oder Alkylanzien erhalten, wobei sich der Zustand oft nach Absetzen der Medikamente bessert. Dieser Fall zeigt jedoch SIADH als paraneoplastisches Phänomen und unterstreicht die Bedeutung, bei ungeklärter Hyponatriämie nach einer zugrunde liegenden Krebserkrankung zu suchen.

Die schnelle Normalisierung des Natriumspiegels nach der Myelomtherapie verdeutlicht, wie wichtig die Behandlung der primären Erkrankung ist. Während Tolvaptan die Symptome linderte, hing die langfristige Stabilisierung des Natriumspiegels von der Remission des Myeloms ab. Dies zeigt die enge Verbindung zwischen Tumorbelastung und Stoffwechselstörungen.

Fazit

Dieser Fall zeigt, dass SIADH ein seltenes, aber wichtiges erstes Anzeichen eines Multiplen Myeloms sein kann. Ärzte sollten bei Patienten mit ungeklärter Hyponatriämie auch ohne typische Blutkrebs-Symptome an eine zugrunde liegende Krebserkrankung denken. Eine umfassende Diagnostik, einschließlich Bluteiweißuntersuchungen und Knochenmarkbiopsie, ist entscheidend für eine frühzeitige Diagnose. Die Behandlung sollte sich sowohl auf die Korrektur des Elektrolythaushalts als auch auf die Therapie des Myeloms konzentrieren, mit engmaschiger Überwachung auf Rückfälle.

For educational purposes only.
doi.org/10.1097/CM9.0000000000000837

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